Beiträge zur Psychologie des Goaßgschaus

Link für den freien Download des Artikels als PDF-DateiEigentlich und mit wissenschaftlichen Ansprüchen müsste der Titel heißen: Das Goaßgschau als psychophysisches Nullniveau unter besonderer Berücksichtigung von Wirtshäusern in der Münchner Altstadt. Das wäre aber zu gescheit und umfangreich. Ein Titel wie Beiträge zur Psychologie hört sich gebildet und mit dem Goaßgschau zusätzlich sogar heimatlich an. Eine Kurzversion, welche nur die gemeinte Form des Schauens beinhaltet, wäre zu wenig aussagekräftig. Außerdem sind die besagten Wirtshäuser nicht vorrangig Orte des Schauens, sondern mehr des Gesprächs und der leiblichen Genüsse.

Beginnen wir am besten mit dem Anfang. Eine Goaß ist nicht nur die Kua von de ganz arma Leit, sondern auch das bairische Wort für Geiß. Gemeint ist das weibliche Tier mit der Bezeichnung Hausziege oder lateinisch Capra aegagrus hircus. Das männliche Tier, der Goaßbock gehört hier aber dazu. Gschau bedeutet Blick, Gesichtsausdruck oder Miene. So wäre beispielsweise a bleds Gschau ein dummes Gesicht. Darum geht es hier aber nicht. Dem Blick einer Ziege oder dem Goaßgschau wird unterstellt, dass er ruhig, starr oder nichtssagend sei. Mit der Bezeichnung Goaßgschau wird dies auf den Gesichtsausdruck eines Menschen übertragen, der längere Zeit, bewegungslos und scheinbar geistesabwesend auf einen Punkt oder ziellos in die Ferne blickt.

Die vorliegenden Ausführungen haben einen regionalen Bezug, weil Außerbayerische nicht Schauen, sondern vielfach Gucken. Einen Goaßguck kann es aber ebenso wenig geben wie einen Zugucker beim Sport oder im Fernsehen. Zudem hört man heutzutage öfter vom Beysgschau. Dafür sind aber die zwei weiblichen Kinihasn mit ihrer musikalischen Aufforderung, dies nicht zu tun, zuständig. Preißngschau, Bledgschau und Besgschau müssen somit bei wissenschaftlichem Anspruch vom Goaßgschau streng abgegrenzt werden.

In Studienjahren hatte ich es unter anderem mit der Psychologie der Sprache zu tun. Der Professor war ein Niederbayer aus Straubing. Jetzt kommt das psychophysische Nullniveau ins Spiel. Ich hatte das Gemeinte nicht gleich verstanden. Als der Professor aber erklärte, dass die Niederbayern Goaßgschau dazu sagen, war mir alles klar. Es geht hier nicht um eine Form des Ausdrucks oder der Entspannung, sondern um einen geistigen und körperlichen Urzustand, der noch schwerer zu erreichen ist als Wachheit oder Schlaf. Personen mit Goaßgschau schauen nicht, sie sind geistig und körperlich in einer anderen Welt.

Wirtshausbesucher mit Goaßgschau erkennt man an Sitzhaltungen, die leicht nach vorn oder nach hinten geneigt sind. Dabei zeigen die Personen kein Mienenspiel und keine Bewegung oder Anspannung der Körperteile. Will man diesen Zustand erreichen, dann empfehlen sich innere Ruhe, Zufriedenheit, leichte Müdigkeit, etwas Gegenlicht, fortgeschrittene Tageszeit, leichte Föhnwetterlage, keine Verpflichtungen oder Erwartungen sowie kein Drang zur Nahrungsaufnahme außer Biergenuss.

Das Goaßgschau wird also mit ganz wenigen Ausnahmen meist im Sitzen an einem Tisch möglich. Dabei kann man sich mit Händen oder Unterarmen vom Tisch abstützen, um den starren Blick bewegungslos in die Ferne zu richten. Eine aufrechte, gerade Sitzhaltung vielleicht sogar mit der Abwehrhaltung von verschränkten Armen wäre als Anspannung für das Goaßgschau ungeeignet. Weiter gibt es an Stehtischen und auf Hockern kein Goaßgschau. Sitzen ist bevorzugte Köperhaltung in bayerischen Wirtshäusern, auch wenn man dort gelegentlich andere Möbel für Touristen antrifft. Stehen, hocken und liegen gibt es anderswo mit der Verwendung von Liegen, Sesseln und Hockern. Bevorzugte Aufenthaltsorte in München sind jedoch bayerische Wirtshäuser, welche auf solchen Unsinn mit teilweise unpassenden Möbelstücken verzichten. Nach meiner Wahrnehmung wäre Gucken in einem Loungesessel oder auf einem Barhocker ein Bledgschau. Ein Altbayer hockt nicht in gebückter oder gekrümmter Haltung im Wirtshaus, er sitzt – genauso wenig wie er nicht guckt, sondern schaut. Ein Hinhocken oder Zamhocken im Wirtshaus gibt es aber schon. Damit ist jedoch Sitzen auf Stühlen oder Bänken gemeint.

Gelegentlich wird Goaßgschau vorgetäuscht, um andere Personen nicht wahrnehmen oder grüßen zu müssen. Das ist aber meist leicht zu durchschauen. Gespieltes Goaßgschau als Schutzgschau gegen außerbayerische Geschwätzigkeit und andere unangenehme Begegnungen ist erlaubte Selbstverteidigung. Schwieriger wird es mit anmaßendem oder absichtlichem Weggschau – vielleicht sogar aus Unsicherheit oder um sich interessant zu machen. In beiden Fällen kann man die Wertachtung in der Begegnung verlieren, weil menschliches Verhalten in der Regel auf Beachtung, Wertschätzung und wohlwollende Gemeinschaft ausgelegt ist.

Wer meint, dass der Begriff Goaßgschau ein Schmarrn ist, der hat nicht ganz Unrecht. Auf jeden Fall ist ein wissenschaftlicher und gastronomischer Hintergrund des Goaßgschaus aber eine Gaudi. Ursprünglich wollte ich die vorliegende Begriffsbestimmung auf meine derzeit bevorzugten Wirtshäuser beziehen, z. B. Beim Sedlmayr, Wirtshaus im Braunauer Hof, Schneider Bräuhaus, Hofbräuhaus sowie Gastgarten beim Imbiss- und Getränkestand auf dem Viktualienmarkt, der manchmal auch Biergarten genannt wird. Die Idee der Tivoligeschichte zum Goaßgschau hatte ich aber im Weissen oder Schneider Bräuhaus des Münchner Tals. Im Verlauf der Erarbeitung fiel mir auf, dass sich andere Orte ebenfalls für das Goaßgschau eigenen. Jetzt muss ich natürlich meinen Erkenntnissen folgen und für das Goaßgschau im Weissen Bräuhaus eine eigene Tivoligeschichte schreiben.

Weiter zu Teil II – Goaßgschau im Weissen Bräuhaus

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