Der Maurer Franz

Traditionelle Blasmusik kennt mehrere Titel mit dem Franz. Hier geht es aber nicht um den Wittmann Franz oder den Franz, der auf die Vogelwiese gegangen ist, sondern um einen Gast des Hofbräuhauses. Stammgäste haben mich vor ihm wegen seiner Neigung zu beleidigenden Ausfällen gewarnt. Mir gegenüber ist er aber immer harmlos und freundlich gewesen. Einige Male hat er mich zu einer Freibiermaß eingeladen. Einmal meinte er sogar, ich sei ein ganz angenehmer Mensch.

Link für den freien Download des Artikels als PDF-DateiMit dem Wittmann Franz, der ja in der gleichnamigen, bekannten Polka seine Zeche nicht ganz zahlt, hat der Maurer Franz scheinbar nichts zu tun. Er bezahlt die Maß Bier mit einer Stammgastmünze, weil man beim Kauf von zehn Münzen die elfte gratis bekommt. Die Wertschätzung des Personals zeigt er mit einer knickrigen 50-Cent-Münze Trinkgeld. Überhaupt ist der Franz ein sparsamer Mensch, weil er sich beim Kauf der Biermünzen eine Rechnung geben lässt. Bei meiner Frage nach dem Grund hierfür erklärt er nur mit einem Augenzwinkern, dass seine Tochter Steuerberaterin sei. Als ich darauf hinweise, öffentlich zu schreiben, erwidert er, das sei ihm wurst, und ich müsse mir keine Sorgen machen, weil alles ganz sauber sei.

Franz brüstet sich gerne mit seinem Wohlstand, der sich aus Grundstücksverkäufen der Ehefrau für den Bau von Neuperlach ergeben hat. Die Verkaufserlöse haben dem Maurer und der Postangestellten ein vermögendes Leben gestattet. Da man den gesamten Besitzstand, Haus und Mercedes nicht ins Hofbräuhaus mitnehmen kann, hilft ihm nur das Angeben damit. Dabei behauptet er scherzhaft, nicht nur ein Haus zu besitzen, sondern gleich drei Häuser: Vogelhaus, Waschhaus und Scheißhaus. Manchmal ist er aber auch bescheiden und erzählt, er habe drei Häuser, aber nur zum Putzen. In beiden Fällen handelt es sich offenbar um Standardwitze von Maurern.

Äußerlich gleicht der Franz der Karikatur eines älteren Herrn mit Schnauzbart, dünnen und zurückgekämmten Strähnen auf der Glatze sowie einer vom Alter gebeugten Haltung. Durch sein ungewöhnliches Erscheinungsbild, durch übertriebene Äußerungen wie lautes Pfeifen, Klatschen und Anfeuerungsrufe für Musikanten sowie durch vielfältige Übertreibungen aller Art hat er eine Fotophobie im Hofbräuhaus entwickelt. Bei normalen Foto- und Videoabsichten hält er die Hände vors Gesicht und schimpft auf verursachende Personen, die bestimmt nicht ihn, sondern die Gesamtsituation festhalten wollen. Vermutlich hat er in seinem Maurerleben einige Leichen in Kellern versteckt, weil er nicht fotografiert werden will.

Dem Maurer Franz macht es eine Freude, andere Gäste und das Personal auszurichten. Er redet schlecht über manche ohne Sorge, dass sich Tischnachbarn über den Wahrheitsgehalt informieren können. Seine Zuneigung zum anderen Geschlecht zeigt er durch abwertende Äußerungen, die belegen, dass er früher vermutlich käufliche Dienste in Anspruch genommen hat, wozu stolz Insiderwissen zum Besten gegeben wird. An seiner Ehe darf man aber nicht zweifeln. Als die Ehefrau wegen eines Krankenhausaufenthalts Weihnachten nicht zu hause ist, kommen ihm am Biertisch die Tränen – wahrscheinlich aus Selbstmitleid, weil er die Feiertage erstmalig allein verbringen muss. Seine Paarungsfähigkeit bezeichnet er als wünschenswert, aber nicht mehr vorhanden, obwohl er es schon mehrfach mit Weihwasser versucht habe. Beim häufigen Anstoßen und Zuprosten mit weiblichen Tischnachbarn gefallen ihm Äußerungen und Gesten, die andeuten, dass Biergenuss für die Oberweite förderlich sei. Das traut er sich aber meistens nur bei flachbrüstigen, weiblichen Jugendlichen aus Japan, China oder Korea.

Die Fremdsprachenkenntnisse von Franz beschränken sich auf den Ausdruck no problem. Sein Lieblingsspruch ist Leben und leben lassen. Er hat die Eigenheit, ohne jeweilige Sprachkenntnisse Kontakt im Dialekt mit den internationalen Gästen des Hofbräuhauses aufzunehmen. Die erste Frage lautet häufig: „Wo kemmts es her?“ Einmal beratschlagen sich zwei Herren, zwei Buben und zwei Damen über das Gemeinte. Letztere antworten: „Italia“. Franz begutachtet die Damen und fragt die vermutlich ältere: „Oma?“ Ratlos blicken sich die beiden an und antworten: „No Roma, Venecia“. Dieses Spiel wiederholt sich einige Male, weil Franz die italienische Aussprache von Venedig nicht kennt.

Vergleichbar verläuft der Dialog, wenn Franz Chinesinnen nach der Herkunft fragt. Diese antworten mit englischer Aussprache „Tschaina“, was der Franz regelmäßig als Thailand versteht. Manchmal verdächtige ich ihn, diese Missverständnisse bewusst hervorzurufen, weil das Ergebnis immer eine vergnügliche Tischgemeinschaft mit einem menschlichen Verstehen ohne besondere Sprachkenntnisse ist und in einer allgemeinen Tischgaudi mit Eingeborenen und Touristen endet. Beleidigungen habe ich dem Franz nicht zugetraut. Gelegentlich muss ich mir aber den rechten Zeigefinger festhalten, um zu verhindern, ihm scherzhaft den Vogel zu zeigen. Meine Begründung hierzu trägt natürlich bei Tischnachbarn zur Heiterkeit bei.

Nun hat der Tisch in der hohen Schwemme gegenüber den Musikanten seine Besonderheiten und eigene Stammgäste. Platz haben acht bis zehn Personen. Nur zwei Wochentage gibt es keine Reservierung für Stammtischrunden. Weil dies die Tage mit auswärtigen Gastkapellen sind, habe ich gerne von den Plätzen am oberen Ende fotografiert. Franz sitzt immer am unteren Ende mit Blick in die Schwemme. Wegen seines „Hock di hera“ beginne ich, mich ihm gegenüber dazuzusetzen. Irgendwann hält er diesen Platz sogar frei, weil ich erst kurz vor dem abendlichen Musikbeginn komme.

Bei den Gastkapellen an Samstagen reserviert Gabi für meine Fotovorhaben den Platz ihr gegenüber am oberen Ende des Tisches. Gabi ist eine Institution im Hofbräuhaus, die noch vom früheren Wirt die Herrschaft über die Plätze beim wochenendlichen Stammtisch der singenden Löffler bekommen hat. Das Problem beginnt, als Franz den Platz am unteren Ende auch an einem Samstag einnehmen will. Beim ersten Mal gelingt es ihm unbemerkt. Beim zweiten Mal will Gabi dies durch die Verhinderung seines Mantelaufhängens unterbinden. Franz setzt sich aber durch und nimmt einsam am oberen Ende Platz.

Als der Franz aufbrechen will und den Mantel nimmt, stellt er fest, dass sein vermeintlicher Hut nicht da ist. Er beschimpft Gabi und ihre Gäste, dafür verantwortlich zu sein. Wegen der Komik der ganzen Angelegenheit und weil ich gewusst habe, dass er ohne Hut gekommen sein muss, fange ich zu lachen an. Dies löst bei Franz Beschimpfungen aus, die alle bei Anzeige eine vierstellige Geldstrafe ergeben hätten. Wegen des geringen Bildungsstandes und des fortgeschrittenen Alters hat Franz aber mein Verständnis. Gabi und davor schon einige Betroffene haben mir ohnehin von langjährigen Erfahrungen berichtet, die ich nun auch machen muss. Jetzt bin ich nach seiner Wahrnehmung nicht mehr der angenehme Mensch, sondern ein ganz ein falscher, was er schon immer gewusst habe. Bei der nächsten Begegnung am Tisch will ich ihm eine Brücke bauen. Ich begrüße ihn freundlich und frage nach seinem Hut. Die Beschimpfungen werden aber wiederholt. Ich erkläre, er könne mich nicht beleidigen, und danke ihm für die vielen komischen Geschichten. Dann setze ich mich wieder auf meinen früheren Fotoplatz.

Der Mauer Franz ist nun nicht mehr nur auf die Vogelwiese gegangen, sondern hat sich als würdig erwiesen, einen solchen in seinem Vogelhaus zu besitzen. Er hat gewusst, dass ich öffentlich schreibe. Ich habe Notizen auch vor ihm am Tisch gemacht. Wenn er sich im Hofbräuhaus über normale Verhaltensweisen hinwegsetzt, ist er selbst verantwortlich für Darstellungen meiner erlebten Wirklichkeit mit einem komischen Vogel. Wer nicht weiß, was die Vogelwiese ist, dem sei mitgeteilt, dass es sich dabei um ein Volksfest am Elbufer in Dresden handelt.

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