Carmen aus Toronto

Link für den freien Download des Artikels als PDF-DateiDa vermeidet man Verabredungen um Freiheit zu genießen, plötzlich ergeben sich gleich zwei zur selben Zeit und am gleichen Ort. So war es an einem Dienstag im August 2015 um 17.00 Uhr im Biergarten auf dem Viktualienmarkt. Das erste Treffen wurde notwenig, weil meine Teilnahme am 5. Brunnenfest nicht möglich gewesen war. Dort wollte ich nämlich dem Ensemble Bavaria und dem Brunnenpaten Manfred Klein die bestellten Fotobücher vom Brunnenfest 2014 und vom Musikantenfrühling 2015 übergeben. Das Ensemble Bavaria konnte aber genauso wenig anwesend sein wie ich. So vereinbarte ich mit der Gabi aus Weilheim ein Treffen zur Buchübergabe. Weil ich 2015 bei schönem Wetter um 17.00 Uhr meist im Biergarten am Viktualienmarkt bin, waren Zeit und Ort sehr nahe liegend. Ich freute mich Gabi wiederzusehen und ging davon aus, dass sie ein wenig Zeit für mich und möglicherweise auch für die dann anwesende Biergartenrunde mitbringt.

Im Juni 2015 veröffentlichte ich den Beitrag Frühling auf dem Viktualienmarkt. Carmen aus Toronto kommentierte: „Lieber Josef, you have a very interesting blog and fabulous photos! I will be visiting München in August on my holidays!“ Ich dankte und wünschte ihr beste Eindrücke und Erlebnisse in München. Beim Juli-Beitrag zum Musikantenfrühling erfolgte wieder ein Kommentar: „What a huge collection of beautiful photos! Soon I will enjoy some German culture and festivities!“ Wiederum dankte ich und grüßte herzlich von München nach Toronto. Es folgte ein August-Kommentar: „Hallo Josef! Diese Woche komme ich nach München. Vielleicht tanze ich im Biergarten. Ha ha!! Vielleicht gehe ich zum Viktualienmarkt und mache München unsicher.“ Meine Antwort auf den Kommentar war, dass sie bitte bei schönem Wetter ab 17.00 Uhr auf dem westlichen Weg neben dem Servicebereich des Biergartens tanzen soll, und ich sie dann sehen, begrüßen und fotografieren werde. Die Kommentare waren öffentlich und sind bei den Beiträgen nachlesbar.

Jetzt folgten private E-Mail-Nachrichten. Weil die Geschichte aber spannend wurde und ein Dokument des vielleicht frühen Internet-Zeitalters ist, gehe ich vom Einverständnis aus, dass ich den weiteren Verlauf zitieren und erzählen darf. Carmen schrieb: „Hallo Josef! We are driving now to Munich. I might be at the Biergarten today at 17 or tomorrow! Perhaps we can meet!“ Es folgte: “ Hallo aus München! It’s too cold and wet today. Perhaps we will be at the Biergarten tomorrow after 17.00.“ Meine Antwort war: “ I am very happy if I can get to know you and your friends tomorrow. At 17.00 clock even Heinz is there, who lived in his youth some years in Toronoto. Moreover, Gabi comes. She is the singer and guitar player of the Ensemble Bavaria from my last post. The weather will be fine tomorrow. Problems can only my understanding, because I can only speak a 40 year old school English. In the beer garden, we do not have Google Translate. For that we can drink beer.“ Für diese Nachricht benutzte ich tatsächlich Google Translate als Hilfe, weil ich mich mit Fehlern nicht blamieren wollte.

Jetzt hatte ich also zwei Verabredungen gleichzeitig und musste mir tagsüber die möglichen Probleme ausmalen. Wie wird sich die Tischgesellschaft gestalten? Ist ein gemeinsames Gespräch überhaupt möglich? Reichen meine Englischkenntnisse? Als ich zum Tisch mit meinen Bekannten kam, war dieser fast vollbesetzt. Ich drehte eine Biergartenrunde, fand aber weder Gabi noch Carmen, die ich nur von Fotos aus ihrem Internetangebot kannte. Somit setzte ich mich erstmals zum Bekanntenkreis und erklärte mein Verabredungsproblem. Der Tisch interessierte sich nicht dafür und führte seine bisherigen Gesprächsthemen weiter. In mir kochte es aber, weil es bereits nach 17.00 Uhr war.

Auf einmal sah ich Gabi und eine Begleiterin am Standl mit der Essenstheke vorbeigehen. Ich stürzte auf sie zu, bat sie an den Tisch zu kommen, erklärte, dass hier kein Platz sei und ich außerdem Besuch aus Toronto erwarten würde. Gabi begrüßte mich herzlich und beruhigte mich, dass sie nur die Bücherübergabe wolle und vielleicht später nochmals vorbeischauen könne. So schnell wie sie kam, war die Gabi aus Weilheim mit den Büchern auch wieder verschwunden. Jetzt saß ich am Tisch und war erleichtert, aber auch verunsichert, weil Carmen nicht gekommen war. Erneut unternahm ich eine Suchrunde im Biergarten. Einige Tische weiter sah ich eine Dame, die Übereinstimmungen mit den Carmenfotos haben könnte. Wieder am Tisch verwarf ich diesen Gedanken, weil das Tischgespräch nebenan offensichtlich auf bayerisch geführt wurde.

Für mich folgten etwa 60 Minuten in einer Spähposition, die erfolglos blieb. Carmen hatte mir um die Mittagszeit eine Handy-Nummer geschickt, aber ich verfüge wegen meines Freiheitsbedürfnisses nicht über diese Möglichkeit. Nachdem ich Gedanken an ein Treffen schon aufgegeben hatte, sah ich, wie sich eine Dame bei einer Kellnerin offensichtlich nach den Himmelsrichtungen des Biergartens erkundigte. Ich winkte, und innerhalb von Sekunden saßen Carmen und ihre Tochter Joan am Tisch. Weitere vier Personen in ihrer Begleitung fanden in der Nähe Platz. Carmen erklärte die 90minütige Verspätung mit einem nicht geplanten Besuch des BMW-Museums, und ich stellte fest, dass es keine Verspätung war, weil wir ab 17.00 Uhr vereinbart hatten.

Zu meiner Überraschung sprach Carmen deutsch. Sie erklärte, dass die Eltern in ihrem fünften Lebensjahr von Stuttgart nach Kanada ausgewandert waren. Auch die Tochter beherrschte die deutsche Sprache und ermahnte die Mutter mehrfach nicht ins Englische zurückzufallen. Wir unterhielten uns sehr angeregt, und ich gestattete mir einige Ausflüge in die englische Sprache, die mir ohne Nachzudenken über die Lippen kamen. Gesprächsthemen waren persönliche Lebenssituationen und unsere Internetangebote. Die Zeit verging im Flug.

Ein Inhalt unserer Unterhaltung bleibt mir besonders in Erinnerung. Wenn man sich die wohlklingende Bezeichnung Carmen aus Toronto auf der Zunge zergehen lässt, dann gehört man entweder zu den Menschen, die den R-Laut mit der Zungenspitze oder mit dem Gaumen bilden. Ich verfüge natürlich nur über das in Süddeutschland übliche Zungenspitzen-R. Carmen hatte das so gefallen, dass ich meine Aussprache ihres Namens mehrfach wiederholen musste. Die anwesende Biergartenrunde war wohl etwas verwundert über unser Gespräch, und ich habe jetzt eine neue Freundin in Toronto.

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