Django und das Bierholen am Aumeister

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Link für den freien Download des Artikels als PDF-DateiDjango beruft sich immer darauf, dass er älter als ich ist und ich ihm somit nach der arabischen Kultur zu Diensten verpflichtet bin. Wir befinden uns aber im Biergarten am Aumeister in München und verstehen uns eigentlich ganz gut. Seinem Ruf als Rächer wird er nicht immer gerecht, aber das mit der Rosinante am Aumeister hat er ganz gut hinbekommen. Außerdem widerspricht er mir, wenn ich mich scherzhaft als Schriftsteller und Fotograf bezeichne. Er macht sich sogar lustig darüber und verspottet meine Werke als Kitsch, obwohl er sie gerne liest und anschaut. Und ganz außerdem kostet das Weißbier zwanzig Cent mehr als das Helle. Das hat er aber kapiert und gibt deshalb nach einer Schön-Wetter-Woche mit mehreren Treffen oder nach geschätzten zehn Runden eine Halbe aus.

Es gibt jedoch keine Gerechtigkeit auf dieser Welt: Django will nicht Bier holen. Früher am Chinesischen Turm ist alles sehr viel besser gewesen. Wer ausgetrunken hat, musste die nächste Runde bringen, und konnte damit beweisen, dass er in der Lage war, einen Tisch im Biergarten durch einem Gang zur Schänke mit bis zu zehn Liter Bier zu versorgen. Das hat ein ordentliches Loch in den Geldbeutel gerissen, aber man hat für den Rest des Tages seine Ruhe gehabt. Ganz früher hat es glückselige Zeiten gegeben. Da ist man im Biergarten noch bedient worden. Das kenne ich aber nur von Erzählungen.

Für mich ist die supermarktmäßige Selbstbedienung im Biergarten ein Rückschritt in der Gastronomie, der nur den Wirten hilft, Personalkosten zu sparen. Bierpreise bei Selbstabholung sind ohnehin meist gleich wie mit Servicepersonal in Restaurantbereichen von Biergärten. Gipfel der Servicewüste ist der Biergarten am Chinesischen Turm. Hier bekommt man mit Krügen und Gläsern Pfandmarken. Man wird gebeten, beim Tisch abräumen mitzuhelfen und gezwungen die Trinkgefäße selbst zurückbringen. Es fehlt bloß noch, dass unter die Tische Wassereimer mit Lappen gestellt werden, damit die Tische auch selbst abgewischt werden können.

Mittlerweile sitzen wir nur mehr gelegentlich am Chinaturm. Der Biergarten am Aumeister ist unter der Woche und die Hirschau ist bei Musikveranstaltungen zum gemeinsamen Schön-Wetter-Wohnzimmer geworden. In unserer sogenannten guten alten Zeit am Chinaturm ist beim Bierholen alles möglich gewesen. Irgendwann war man dran. Man musste ja auch zur Toilette und hatte ein freiwilliges Einsehen etwas mitzubringen. Für das Holen und Bezahlen hat es stillschweigende Übereinkünfte oder den Ausgleich mit Bargeldübergabe gegeben. Aber das ist alles Geschichte. Die Gegenwart wirft ganz andere Fragen und Probleme auf. Am Aumeistertisch geht es nicht mehr um ganze Liter oder Maßn, sondern um Halbe Bier. Die zeitlichen Abstände beim Bierholen haben sich verringert. Der Weg ist gar nicht so weit. Wartezeiten gibt es kaum. Der kurze Kontakt mit dem Personal an Schänke und Kasse ist meist angenehm. Regelmäßig bekommen wir aber ein Riesenproblem: Wer holt das nächste Bier?

Jeder versucht den anderen zu überzeugen, an der Reihe zu sein. Dabei ist es unser Glück, dass wir am Aumeister gut bekannt sind. Tischnachbarn haben Verständnis, wenn wir diese Streitfrage lautstark austragen. Der Wortschatz des bayerischen Nichtbeleidigens findet dabei vielfach Verwendung. Auch das wird von der Umgebung akzeptiert, weil meist nur Münchner anwesend sind. Wahrscheinlich würde es sich für außerbayrische oder außerirdische so anhören, wie wir denken, dass sich Südeuropäer streiten, obwohl sie sich nur unterhalten.

Einmal ist Django plötzlich aufgestanden, um scheinbar freiwillig zur Schänke zu gehen. Er kommt aber nur mit einem Weißbier zurück. Bei soviel Unverschämtheit kann man fast nicht ruhig bleiben. Ich will ihn beschimpfen und mir selbst eine Halbe Bier holen, da zeigt er auf das volle Glas am leeren Nachbartisch hinter mir. Hat er doch tatsächlich mein Bier dort abgestellt, um unangemessene Äußerungen herauszufordern.

Kürzlich hat Django Geburtstag gehabt und ist freiwillig dreimal hintereinander zum Bierholen gegangen. Zufrieden habe ich das Angebot angenommen und betont, dass er mir das ja nicht später vorhalten soll. Genau das hat er aber gemacht. Er behauptet, dass er zweimal mehr Bier geholt hat als ich und dass dies überhaupt nichts mit dem Geburtstag zu tun gehabt haben könnte. Ich denke nach und stelle einen möglichen Wahrheitsgehalt dieser Aussage fest. Das muss man aber noch lange nicht zugeben. Ich bezichtige ihn, ein blöder Hund und eine faule Sau zu sein.

Personen, die bayerische Biertischgespräche und die sogenannte Gemütlichkeit der Ureinwohner nicht kennen, verzeihen mir bitte die derben Worte. Meine Sorge ist aber gewesen, dass er es sonst nicht versteht. Da muss doch die Wortwahl sorgfältig bedacht werden. Was macht er? Er bleibt sitzen, obwohl ich die letzte Runde geholt habe. Er wäre also dran gewesen. In so einer Situation bezieht er sich gerne auf das höhere Lebensalter mit zunehmender Gebrechlichkeit und Vergreisung. Dabei macht er einen jüngeren Eindruck, als er tatsächlich ist. Nun bin ich auch nicht mehr der jüngste, und kann meine neuen Schuhe mit den orthopädischen Einlagen dagegenhalten. Das rührt ihn nicht. Er meint nur, dass die Treter eingelaufen werden müssen.

So eiskalt habe ich Django noch nie erlebt. Meist können wir uns vernünftig einigen. Dabei ist es gar nicht so wichtig, wer als erster zum Bierholen geht und wer die letzte Runde holt. Django hat aber die Chance seiner niederträchtigen Erpressung erkannt. Am Himmel ziehen dunkle Wolken auf, und ich habe einen mehrfach längeren Nachhauseweg mit dem Fahrrad als er. Das nützt er natürlich schamlos aus. Ich versuche mich mit den Nachbartischen zu solidarisieren. Der Computer-Peter und sein Alte-Peter-Spezl sind auf meiner Seite, aber Django bleibt hart.

Ich gebe vor, keinen Durst mehr zu haben und wegen der Wetterlage nach Hause fahren zu wollen. Er durchschaut mich aber unbeeindruckt und weiß genau, dass mein Durst stärker ist. Gelegentlich haben wir schon gelost. Natürlich habe ich jeweils eine Losmünze in beide Hände gelegt, und er ist darauf hereingefallen. Außerdem denke ich, dass der Spruch richtig ist: Der klügere gibt nach. So ist es also gekommen, dass ich ungerechtfertigt zur Schänke gehen musste. Das Wetter ist beständig geblieben, und mein Durst nach Rache wegen dieser Ungerechtigkeit beim Bierholen ist erheblich gewachsen.

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There are 5 comments

  1. Marion

    Sag amal Josef, konn ma do irgendwo seng, von wann der Beitrag do iss? I find koa Datum.
    Ganz sicher hob i’hn no nia glesn, dafür jetzad. Und Spaß hods gmacht 🙂

    1. Josef

      Liebe Marion, die Geschichte ist nach der WordPress-Systematik kein Artikel oder Beitrag, sondern eine Seite so wie die Rosinante. Im Beitrag Seitenarchiv 2013 beschreibe ich, warum es bei Tivolifoto gelegentlich solche Seiten gibt, die kein Datum haben und auch im Reader nicht auftauchen oder den E-Mail-Folgern nicht mitgeteilt werden. Es ist doch spannend, dass man etwas entdecken kann, über das man nicht automatisch informiert wird. Im Kopfzeilen-Menü habe ich aber darauf hingewiesen, dass diese Probleme mit Django das Datum „neu_05/14“ haben. Vielleicht kann ich Django mit diesem Text zu Einsichten, Umkehr und Reue anleiten. Meine Hoffnung ist aber gering. Ich freue mich, dass Dir die kleine Gaudi gefällt. Vielen Dank und herzliche Grüße in die Schweiz, Josef

      1. Marion

        Lieber Josef,
        ich verstehe. Bei den Seiten gäbe es die Möglichkeit, am Fuß halt per Hand das Datum einzutragen, aber die Django-Gaudi ist womöglich „zeitlos“ 🙂
        Und nach deiner Beschreibung wird auch dieses Druckmittel auf Django höchstens zu Retourkutschen führen und ihr werdet auch künftig darum ringen, wer nun aufstehen muss.
        Dazu fällt mir eine persönliche Geschichte ein. Meine Tante (Zwillingsschwester meiner Mutter) war mal zeitgleich mit ihrem Mann krank. Beide lagen mit Fieber im Bett und stritten sich darum, wer aufstehen muss, um etwas zum Trinken zu holen. Sie einigten sich darauf, Fieber zu messen. Der mit dem niedrigeren Fieber sollte aufstehen. Es traf sie und sie hat sich natürlich darüber geärgert.
        So wünsche ich auch künftig versteckte Freude mit dem gegenseitigen Kabbeln und dem Bier, wer auch immer es dann geholt hat. Übrigens: Von Durst kann man bei mehreren Maßn Bier wohl nimmer reden. Aber das ist etwas, das ich wirklich noch nie verstanden hab, warum man so bitteres Zeug literweise hinunterkippen kann. Aber das muss ich auch nicht. Geschmäcker sind eben verschieden.
        I bring im hoaßen Sommer hächstens a schöns Radler nunter, des zischt dann a schee.
        Liebe Grüße nach München
        Marion

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