Eisbach-Ansichten

Eine Ansicht ist sowohl eine Abbildung als auch eine Einstellung. Beides ist mit diesem Beitrag beabsichtigt. Andere Titelmöglichkeiten wären Eisbachmärchen oder Eisbachflimmern in Abwandlung der entsprechenden Zusammensetzungen mit Isar. Dafür ist der Eisbach aber zu schnell und zu wenig romantisch. Fast wäre aus den Eisbach-Ansichten ein „Wo der Eisbach rauscht“ geworden. Aber ob er wie ein Wildbach rauscht, ist im allgegenwärtigen Verkehrslärm des Großstadt-Dschungels nicht gut wahrzunehmen. Nach der Stadtautobahn Prinzregentenstraße tritt der Eisbach gleich mit einer weltbekannten Sensation aus dem Untergrund an die Oberfläche. Diese Touristenattraktion wird Eisbachwelle genannt. Im Internet sind ein Punkt und ein „de“ dahinter. Der Leser dieser Zeilen kann sich selbst ein Bild dazu machen. Mittlerweile gibt es auch den Film Keep Surfing, für den man offenbar keinen deutschen Titel fand. Der vorliegende Beitrag hat aber den Leitgedanken Eisbach ohne Surfer.

Die Internet-Suche nach dem Wort Eisbach liefert eine große Anzahl von Texten und Bildern zum Surfen. Man möchte kaum glauben, dass der Eisbach Luftlinie etwa 2600 Meter lang ist und einiges mehr als diese Welle bietet. Die Fotos bei der Bildersuche sind alle gleichartig. Sie zeigen meist Menschen in Neopren-Anzügen, Surfbretter und spritzendes Wasser. Auch ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, auf der Eisbachbrücke ein „Shooting dieser Surf-Fun-Action“ zu machen. Fotohöhepunkte im Internet sind Surferinnen im Dirndl und Surfer in Lederhosen zur Oktoberfestzeit, die offensichtlich aus Filmszenen stammen.

Ergebnis der Diskussion über die Rechtmäßigkeit des Surfens waren ein Grundstückstausch zwischen der Stadt und dem Freistaat sowie eine „Allgemeinverfügung für das Brettsurfen am Eisbach nördlich der Prinzregentenbrücke“ der Landeshauptstadt München vom 28. Mai 2010. Bemerkenswert ist, dass die Eisbachbrücke in der Behörden-Sprache als Prinzregentenbrücke bezeichnet wird, obwohl üblicherweise die Luitpoldbrücke über die Isar so genannt wird.

Spitzenleistungen von Journalisten, Politikern und Werbetreibenden waren das parteitaktische Ringen um die Wählergunst zur Freiheit der armen Surfer und die Vermarktung des Eisbachs zur Steigerung des Fremdenverkehrs und der Münchner Immobilienpreise. Nicht vergessen darf man dabei die wirklich akrobatischen Leistungen der Surfer, welche diese für sich und zur Freude der Zuschauer erbringen.

Ursprung und Entstehung des Namens Eisbach in München sind mir nicht genau bekannt und erfahrbar. Es handelt sich wie andernorts um eine Bezeichnung für kühle oder „coole“ Gewässer, Orte und Betriebe. Eis im Eisbach ist durch die hohe Fließgeschwindigkeit eher unwahrscheinlich. Außerdem ist der Eisbach kein Bach, sondern ein mit Mauern eingefasster Kanal. Und schöne Natur-Ansichten sind von einem solchen Bauwerk wenig zu erwarten. Eine Ausnahme ist vielleicht die Ansicht des Großen Wasserfalls an der Ableitung des Eisbachs zum Schwabinger Bach, die einem romantischen Naturgemälde gleicht.

Trotzdem interessiere ich mich für den Eisbach, weil ich an ihm wohne und zu Themen aus meiner näheren Umgebung Fotoartikel und Fotobücher erstelle. Ich betreibe keine wissenschaftliche Literatursuche, sondern stelle mir lediglich die Fragen, welche Informationen mir das Internet und das eigene Bücherregal bieten, welche Bilder aus meinem Fotoarchiv dazu passen und welche Erkenntnisse und Erfahrungen ich zu einem Thema habe. Die gleichnamige Gaststätte, die Studios, die schon erwähnte Weltsensation und die Kajakfahrer schließe ich dabei aus.

Der Eisbach entsteht aus einer Ableitung auf der westlichen Seite der Isar. Das Wasser durchfließt unterirdisch und mit anderen Bezeichnungen das Südliche und das Mittlere Lehel sowie oberirdisch als Eisbach den Englischen Garten, das Nördliche Lehel und den Tucherpark. Die Mündung in die Isar ist nördlich des Isarrings.

Bei der Entstehungsgeschichte und den Hintergründen muss man auf das Jahr 1789 verweisen. Damals schenkte der ungeliebte Kurfürst Karl Theodor dem Volk aus Angst vor Revolution den Englischen Garten. Die einzige Straße in München, die parallel zum Eisbach verläuft und keine Hausnummern hat, heißt nach der anfänglichen Bezeichnung des Englischen Gartens Theodorparkstraße. Der Hofgärtner des Kurfürsten war Friedrich Ludwig von Sckell, der das Bachsystem des Parks auf der Grundlage der Naturlandschaft mit den Resten des ehemaligen Seitenarmsystems der Isar entwickelte.

Dieser Beitrag hat eine große inhaltliche und fotografische Nähe zu meinen weiteren Titeln Tivoli in München und Nördliches Lehel. Aber das Thema Eisbach fordert andere Fotoansichten und Textbeiträge. Ich weiß, dass es in München nicht sehr viele Menschen gibt, die den Eisbach aus ihrer Wohnung fotografieren können. Dieser Vorzug ist für mich fast wie eine Verpflichtung, meine Eisbach-Ansichten öffentlich zu machen.

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Farben des Eisbachs im Wechsel des natürlichen Lichts nach Umgebung und Wetter, Tageszeiten und Jahreszeiten sowie nach Starkregen im Bayerischen Oberland

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Bei der Mariannenbrücke an der Praterinsel beginnt die Zuleitung von der Isar zum Fabrikbach (A). Das Wasser fließt unterirdisch, etwa parallel zur Thierschstraße, dann unter dem Maxmonument (37) nordwestlich durch das Mittlere Lehel. Vor dem Sankt-Anna-Platz erfolgt eine Teilung in den Stadtmühlbach (41) und den Stadtsägmühlbach (42), der unter der St. Anna-Kirche und -Schule fließt, wo sich die ehemalige Stadtsägmühle befand. Bei der Unsöldstraße mündet der Westliche Stadtgrabenbach (B) in den Stadtmühlbach. Nach jeweils einem kurzen Abschnitt an der Oberfläche in den Innenhöfen des Wacker-Hauses an der Prinzregentenstraße fließen der Stadtmühlbach und der Stadtsägmühlbach nach der Eisbachbrücke (55) in den Englischen Garten.

Stadtbach an der Oberfläche (hellblau), unterirdischer Stadtbach (dunkelblau), aufgelassener Stadtbach (lila), Länge der Zuleitung von der Isar zum Eisbach in der Luftlinie etwa 900 Meter, Quelle Stadtbäche: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f3/Karte_Münchner_Stadtbäche_links_der_Isar.png

Anfang des Eisbachs nach der Prinzregentenstraße, Weg durch den Englischen Garten, das Nördliche Lehel und den Tucherpark, Mündung nach dem Isarring, Länge in der Luftlinie etwa 2600 Meter, Quelle Citymap München: http://www.fotobuch.de/software/artwork/download/places_maps_collection/

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Der Eisbach im Englischen Garten

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Die Ableitungen des Eisbachs im Englischen Garten sind Schwabinger Bach, Oberstjägermeisterbach und Entenbach

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Der Eisbach im Nördlichen Lehel

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Der Eisbach ist an schönen Sommertagen wie ein Freibad. Viele Jugendliche treffen sich auf der Liegewiese am Eisbachanfang. Wenn Baden nicht nur als Sonnenbaden verstanden wird, ergibt sich ein Problem. Schwimmen oder Sich-Treiben-Lassen im Eisbach ist gefährlich und verboten. Trotz neuer Sicherheitseinbauten bestehen Gefahren wegen der hohen Strömungsgeschwindigkeit und der Verletzungsmöglichkeit durch weggeworfene Gegenstände.

Als Anwohner freue ich mich über die Begeisterung der Eisbach-Schwimmer, auch wenn diese Form der Lebensfreude oft lautstark ausgedrückt wird. Ich bin die etwa 1000 Meter lange Strecke von der Prinzregentenstraße bis zu den beiden Ausstiegsleitern kurz vor der Tivolibrücke selbst schon geschwommen, möchte es aber wegen der Berichte über mehrere Todesfälle und zahlreiche Unfallverletzungen nicht weiter empfehlen.

Der von Medien und für einige Zeit sogar von der Stadt als „Eisbach-Feeling“ beworbene Badespaß ist fragwürdige „Action und Fun“. „Cool“ hingegen ist die Rückfahrt mit der Trambahn. Was gibt es schöneres als ohne Fahrschein und mit nasser Badekleidung die zwei Haltestellen bis zum Ausgangspunkt der einen Kilometer langen Strecke zurückzufahren. Berichte über Fahrscheinkontrollen sind nicht bekannt.

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Zwischen der Himmelreichstraße und der Brücke an der Oettingenstraße befinden sich die Ableitung zum Oberstjägermeisterbach und die Dianabad-Schwelle. Im Jahre 2008 lies das Wasserwirtschaftsamt Umbauten zu Vermeidung von starken Strudeln an dieser Stelle durchführen. Im gesamten Eisbach entsteht die hohe Gefährdung für Schwimmer durch Wasserwalzen, Strudel, Strömungen, schroffen Grund, hohe Uferbefestigung, Brückenpfeiler und das Fehlen von Ausstiegsleitern. Abschürfungen und Prellungen sind möglich. Es ist fraglich, ob das Schwimmen im Eisbach so sicher gemacht werden kann, dass das Badeverbot in eine Empfehlung nur für geübte Schwimmer auf eigene Gefahr umgewandelt wird.

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Der Eisbach bei einer Bachauskehr

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Fahrradleichen vor der Tivolibrücke

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Der Eisbach im Winter

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Der Eisbach vor der Tivolibrücke, dahinter und beim Wasserfall neben dem Gebäude der HypoVereinsbank

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Der Eisbach auf dem Weg zum Hilton im Tucherpark, daran vorbei und danach

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Der Eisbach am Tivoli-Kraftwerk

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Mündung des Eisbachs in die Isar, im Hintergrund Oberföhringer Wehr

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Jahreszeiten an der Eisbachmündung

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Eisbachmündung und Ansicht von der rechten Isarseite

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Großer Wasserfall an der Ableitung vom Eisbach zum Schwabinger Bach

Hinweise: Zum Thema gibt es seit 2013 den Beitrag Die Münchner Taufe und seit 2015 den Beitrag Sommer im Park.

There are 6 comments

  1. Josef

    Im Begleittext dieses Artikels erklärte ich, dass mir Ursprung und Entstehung des Namens Eisbach in München sind nicht genau bekannt und erfahrbar sind. Vor kurzem fand ich den folgenden Hinweis in Werner A. Widmann: Ein Stück Schönheit liegt über dem Eisbach. Das Tivoli-Kraftwerk im Englischen Garten. Tivoli Handels- und Grundstücks-Aktiengesellschaft, München 1986, Seite 54 „Dieser reißende Bach nahm im Winter die Schneemassen der Münchner Straßen auf, daher auch sein Name“.

  2. Elisabet Ludwig

    Abgesehen von den ehe schon wundervollen Fotos sind die mit den schneebedeckten Bäumen für mich in diesem Fotobuch die schönsten Bilder. Zeigen Sie doch die kraftvolle Schönheit der Bäume. Elisabet L.

  3. Quizzy

    Ich radel auch lieber am Eisbach entlang als dass ich mich in die (zu jeder Jahreszeit!) eiskalten Fluten stürze.
    Was den Namen angeht, so hab ich mal die Erklärung gelesen, es hätte mit der Praxis der Eisgewinnung im 19. Jahrhundert zu tun. Damals benötigte man ja riesige Mengen von Eisblöcken, um das Bier im Sommer zu kühlen. Man hat deshalb im Winter die Wiesen im Englischen Garten mit dem Wasser des Eisbachs geflutet und aus der Überschwemmungsfläche, die bei Minusgraden schnell gefroren ist, die passenden Blöcke rausgesägt.
    Herzliche Grüße
    Quizzy

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