Meine Heiligen

Link für den freien Download des Artikels als PDF-DateiMeine Heiligen befinden sich nicht nur im Himmel, sondern auch auf der Erde und damit natürlich in meiner nahen Wohnumgebung in München. Glauben ist neben religiöser Überzeugung ein menschliches Wesensmerkmal. Kirchliche Eigenarten richten sich mehr auf das Geldverdienen. Beim wahren Glauben stehen Liebe, Freude, Kraft und Mut sowie das gesamte Seelenheil im Mittelpunkt. Dienen und Büßen für Sünde und Schuld kann man als überflüssig ansehen, solange keine irdischen Gesetze verletzt werden. Zudem gibt es Sünden, die so schön sind, dass man diese nicht bereuen muss. Ich bin katholisch erzogen worden und gerne christlicher Bayer. Deshalb sehe ich mir ebenfalls gerne katholische Gotteshäuser von außen und von innen an. Meist sind diese großartige, kunsthistorische Museen und Orte der Ruhe in einer hektischen Zeit.

Zur gelegentlichen Besinnung und frommen Wallfahrt besteige ich öfter das Petersbergl und besuche die älteste Münchner Stadtpfarrkirche Sankt Peter. Der Kirchturm wird liebevoll Alter Peter genannt, ist im Volksmund ein Wahrzeichen Münchens und verfügt über ein eigenes Volkslied. Im rückwärtigen Teil der Peterskirche befinden sich eindrucksvolle Fotografien von der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, die ich mir immer anschaue. Dann gehe ich zu den Seitenaltären auf der Nordseite und bleibe vor dem Glassarg mit der Ganzkörperreliquie der Heiligen Munditia stehen. Diese ist als römische Katakombenheilige die Patronin der alleinstehenden Frauen. Ich frage sie immer, ob sie nicht auch einmal eine für mich hätte. Die Heilige Munditia liegt vor mir als Skelett und ist mit Edelsteinen geschmückt. Sie blickt mich kritisch an und gibt mir mit ihren Klunkern zu verstehen, dass sie mich durchschaut hat. Die Heilige unterstellt mir Absichten, wie sie Karl Valentin inseriert hat, indem er eine Zugehfrau sucht, die auch wieder weggeht.

Enttäuscht wechsle ich zum gegenüberliegenden Seitenaltar des Heiligen Josef. Als mein Namenspatron ist er unter den etwa 800 Heiligen der katholischen Kirche mehr für mich zuständig als seine Nachbarin und steht in besonderer Verantwortung. Ich danke ihm, dass er mich vor Freuden und Leiden der Beziehungen mit Frauen weitgehend verschont und einige bereits zum Weggehen veranlasst hat. Beim anschließenden Besuch des Hauptaltars mit dem Heiligen Petrus muss ich mich neben dem Bitten und Danken gelegentlich beschweren, weil er mich mit dem Wetter an meinen Fahrradfahrten im Englischen Garten vom Tivoli zum Aumeister hindert.

Gütig entlassen mich meine Kirchenheiligen in die Freiheit des Viktualienmarkts mit seinen Brunnenheiligen: Elise, Ida und Liesl sowie Ferdl, Jackl und Valentin. Die vollständigen oder künstlerischen Namen sind Elise Aulinger, Ida Schuhmacher, Elisabeth Wellano oder Liesl Karlstadt, Ferdinand Weisheitinger oder Weiß Ferdl, Jakob Roider oder Roider Jackl und Valentin Johann Fey oder Karl Valentin. Als sogenannte Brunnenheilige stehen sie ganzjährig für eine stille Andacht zur Verfügung. Häufig werden sie von ebenfalls frommen Menschen mit Blumen geschmückt. Ich danke den sechs Heiligen für die Unterhaltung der Menschheit mit ihrem bayerischen Humor und wünsche mir, dass ich immer eine Gaudi habe.

Der Markt ist natürlich mehr für leibliche und weltliche Belange zuständig. Er wird aber von einer weiteren sehr alten katholischen Pfarrkirche in München beherrscht – der Heilig-Geist-Kirche. Weil man den Heiligen Geist immer brauchen kann, nehme ich ihn mit und besuche den Dreifaltigkeitsplatz. Hier befindet sich eine heilige Stätte mit dem Namen Bratwurstherzl. Dort bestelle ich mir Acht mit Kraut, da mich vor Jahren ein Kellner belehrt hat, dass sich Sechs mit Kraut unanständig anhört. Das Bier in diesem geschätzten Wirtshaus hat keine klösterlichen Ursprünge, ist aber durch Reifung und Ausschank in kleinen Holzfässern sehr wohlschmeckend und bekömmlich.

Mein Tageswerk oder die Wallfahrt zum meinen heiligen Personen und Orten ist erst vollbracht, wenn ich in einer weiteren heiligen Station einkehre, der neuen Marktschänke der Forschungsbrauerei München beim Viktualienmarkt. Da gibt es wahrhaftige Biere und nahrhaftige Speisen. Biere mit so wohlklingenden Namen wie Blonder Bock, Pilsissimus, Münchener Vollbier, Naturquell Dunkel, Wahre Weiße und Wilde Weiße lassen Genießer den Heiligen ein wenig näher sein. Diese münchnerische Vielfalt kann man sogar auf einmal trinken. Es wird ein Probierbrettl mit kleinen Gläsern angeboten, das ich aber gar nicht brauche, weil ich mir nur eine oder zwei dieser Spezialitäten in einer maßvollen Anzahl gönne.

Gestärkt trete ich mit der nun ebenfalls heiligen Trambahn den Heimweg von der Altstadt in die Vorstadt an. Früher hat die Stadtverwaltung versucht, für den Münchner Stadtteil Lehel die schöne Bezeichnung Sankt Anna Vorstadt durchzusetzen. Diese ist aber von der Bevölkerung nicht angenommen worden. In der Mietwohnung beschließe ich den Tag mit einem Bier von den Augustiner-Mönchen. Die älteste Brauerei Münchens ist nach dem kirchlichen Besitz in die Hände meines Namensvetters Josef Wagner übergegangen. Religiöse Tradition kann man gegenüber den Industriebieren noch herausschmecken. Beim Einschlafen danke ich, dass mir so ein wahrhaft heiliger Tag geschenkt worden ist.

Heilige Munditia

Heilig Geist und Alter Peter

Heiliger Petrus Heiliger Josef

Brunnenheilige: Elise Aulinger, Ida Schuhmacher, Elisabeth Wellano oder Liesl Karlstadt, Ferdinand Weisheitinger oder Weiß Ferdl, Jakob Roider oder Roider Jackl und Valentin Johann Fey oder Karl Valentin

There are 6 comments

    1. Sepp

      Liebe Helga, die neuen Tivoligeschichten müssen etwas genauer betrachtet und verstanden werden, z. B. sachlich, wohlwollend und scheinheilig. Herzliche Grüße, Sepp

    1. Sepp

      Lieber Udo, natürlich werden wir baldmöglichst miteinander zu meinen Heiligen pilgern. Die derzeitige Fasten- und Starkbierzeit bietet sich an. Ich habe gar nicht gewusst, dass Du auch so ein frommer Mensch bist. Herzliche Grüße, Sepp

  1. freiedenkerin

    Zur Heiligen Munditia musst du an einem ganz bestimmten Tag im November beten, und dann erhört sie dich. 😉 Ich kenne eine liebe Dame, die hat das gemacht, und nur wenig später ihren jetzigen Ehemann kennen gelernt. Ich frag sie mal, ich glaube, es ist im November, aber das Datum weiß ich leider, leider nimmer…
    Liebe Grüße!

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