Erfindung des Weißbiers

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Link für den freien Download des Artikels als PDF-DateiSitzt man im Biergarten in gemütlicher Runde, dann ist natürlich Bier ein wichtiges Gesprächsthema. In einem Münchner Biergarten dreht es sich häufig um das so genannte Münchner Bier. Diese Bezeichnung trifft aber derzeit nur auf Augustinerbräu zu. Hofbräu ist traditionell Eigentum des Freistaats Bayern. Löwen- und Spatenbräu gehören zum belgischen Inbev-Konzern, Hacker-Pschorr und Paulaner zum niederländischen Unternehmen Heineken. Braustätten werden in München nur wegen des Oktoberfests unterhalten. Zu Herstellungsorten und Transportwegen der Industrie- und Konzernbiere kann man spekulieren. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Unbestritten ist Augustinerbräu der Marktführer bei Beliebtheit, Geschmack und Preiswertigkeit in der Münchner Bierwelt.

München hat mit dem Oktoberfest das größte Bierfest und mit dem Hofbräuhaus das berühmteste Wirtshaus der Welt. Die Bezeichnung Welthauptstadt des Biers wird von mehreren Städten beansprucht. Ein Titel steht München aber mit Sicherheit zu: Welthauptstadt des Biergartens. Der größte Biergarten ist der Hirschgarten, der bekannteste wahrscheinlich der Chinesische Turm und der zentrale sicherlich der Biergarten am Viktualienmarkt.

Lange Zeit bin ich der Meinung gewesen, dass im zentralen Biergarten nur Touristen verkehren. Aktuell entdecke ich dort interessante, angenehme und unterhaltsame Mischungen von Einheimischen und Touristen. Münchner freuen sich, den Reisenden heimische Sichtweisen mitzuteilen. Touristen begrüßen es, mit Eingeborenen an Tischen zu sitzen. Das Dazusetzen ist für manche Gäste etwas gewöhnungsbedürftig, weil sie es aus ihrer Heimat nicht kennen. Im Biergarten am Viktualienmarkt ist es aber unvermeidlich.

Wird dieser Biergarten öfter besucht, lernt man einheimische Stammgäste vom Sehen, Dazusetzen und Ratschen kennen. Die Vorstellung mit Namen ist dabei gar nicht so wichtig. Als Gedächtnisstützen dienen Berufe oder Stadtteile, die man in Gesprächen erfährt. So sitze ich gelegentlich mit einem ehemaligen Feinmechaniker aus Obergiesing, einem früher bekannten Meisterjodler, einem Herrn vom Gärtnerplatz, einer verrenteten FBI-Mitarbeiterin, einem niederbayerischen Münchner, einem Pasinger und einem Ismaninger zusammen. Die Herrschaften haben natürlich nicht alle an einem Tisch Platz. Sie verteilen sich zur Unterhaltung und Freude der Touristen im gesamten Bedienbereich des Biergartens.

Es kann aber sein, dass sich nacheinander und zufällig ein Tisch aus diesem Personenkreis ergibt. So sitze ich mit dem Pasinger, dem Obergiesinger und einem mir nicht bekannten Herrn am Tisch, als der Ismaninger kommt und sich eine Russenmaß bestellt. Ich frage ihn, ob er denn überhaupt wüsste, warum dieses Getränk so heißt. Er verneint und der Tisch muss sich nun meine Erklärung aus der Münchner Stadtgeschichte anhören. Die Bezeichnung ist in den ehemaligen Mathäserbräu-Bierhallen entstanden, die bis 1998 am Standort des heutigen Mathäser-Kinos zwischen Stachus und Hauptbahnhof gewesen sind. Nach dem Ersten Weltkrieg in der Revolutions- und Rätezeit 1918/19 ist der Mathäser zum Hauptquartier der linken Revolutionäre geworden, die man auch als Russn bezeichnet hat. Im Kampf um Sachlichkeit bei politischen Diskussionen und gegen Müdigkeit von Wachposten ist das Weißbier mit Zitronenlimonade verdünnt worden. Die Biergartenrunde reagiert mit einer uninteressierten Kenntnisnahme des historischen Hintergrunds sowie mit einer regen Diskussion über Standorte und Namen von ehemaligen Wirtshäusern.

Lediglich der mir nicht bekannte Herr bleibt beim Thema und verweist auf die Erfindung des Radlers durch den Wirt der Kugleralm wegen Biermangels. Das Gespräch wendet sich in eine Bewertung des heutigen Betreibers dieser Ausflugsgaststätte in Oberhaching. Die Haberl-Gastronomie kommt dabei nicht sehr gut weg, wobei alle den Begründer loben und Großgastronomie ablehnen, weil sich Wirte nicht mehr persönlich um das Wohl der Gäste kümmern. Aus Gastwirten der Elterngeneration werden Erben und abkassierende Betriebswirte. Die Runde sammelt die wenigen Ausnahmen, die es in der traditionellen Münchner Gastronomie noch gibt.

Bei dieser Aufzählung wirft der dazugekommene Herr vom Gärtnerplatz seine Kenntnis über die Erfindung des Starkbiers in den Ring. Als Münchner Mönche den Papst in Rom um Erlaubnis für Herstellung und Genuss dieses Fastenbiers gefragt haben, ist das Starkbier durch den langen Transport über die Alpen verdorben gewesen. Nach einer kurzen Bierprobe hat der Papst das Brauen und den Verzehr dieser scheinbar ungenießbaren Spezialität sofort gestattet. Nun ergibt sich eine rege Diskussion über die Bedeutung von Klöstern, Fastenzeit und der Katholischen Kirche insgesamt für die Biertradition.

Jetzt kommt die Zeit des mittlerweile eingetroffenen, niederbayerischen Münchners. Stolz berichtet er, dass der Erfinder des Pils ein niederbayerischer Braumeister gewesen ist. Im Jahr 1842 hat Joseph Groll aus Vilshofen an der Donau in der böhmischen Stadt Pilsen den ersten Sud gebraut. Der neue Tischnachbar erntet bewundernde Zustimmung für seinen kenntnisreichen Beitrag und die Ehre der Niederbayern. Gleich aber wendet sich das Tischgespräch hin zur Bedeutung von Franken für die Bierkultur.

Das geht dem Ismaninger ein wenig zu weit. Er erzählt, dass er vor einigen Tagen nicht mit Einheimischen, sondern mit Touristen an einem Tisch im Biergarten am Viktualienmarkt gesessen ist. Diese haben ihn gefragt, wer der Erfinder des Weißbiers sei. Sein Sitzplatz hat sich so wie heute im Bedienbereich mit Blick auf den Brunnen und den hiesigen Brunnenheiligen befunden. Ein Geistesblitz ist ihm durch den Kopf geschossen. Natürlich hat er keine Antwort gewusst, aber als Gedankenverbindung ist ihm die Figur des Weiß Ferdl eingefallen. Das Weißbier stamme vom Weiß Ferdl, ist es aus ihm herausgesprudelt und jedes Jahr am ersten Vierten ströme aus dem Brunnen von elf bis zwölf Uhr Mittags Weißbier, das sich die Münchner kostenfrei einschenken können. Die Touristen haben sich über diese originelle und typisch münchnerische Tradition sehr gefreut und dem Ismaninger für die schöne Geschichte gedankt.

Gemeinsam wird nun in der Biergartenrunde festgestellt, dass die Wahrheit gar nicht so wichtig sei. Schöner wäre doch die angenehme Unterhaltung. Das Angeführt-Werden würde man selbst als Tourist an anderen Orten auch erleben. Und am liebsten säße man dort auch mit Einheimischen zusammen, um deren Geschichten zu hören.

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