Der Schlangenbeschleuniger vom Chinaturm

Biergarten am Chinesischen Turm im Münchner Englischen Garten an Sylvester 2022

Sie haben schon richtig gelesen. Es handelt sich nicht um einen Schlangenbeschwörer aus Vorder- oder Hinterindien, sondern um einen Beschleuniger dieser Kriechtiere aus dem Biergarten am Chinesischen Turm im Münchner Englischen Garten. Außerdem weiß man ja, dass Chinesen Schlangen lieber essen, als sie zu beschleunigen.

Wer die Reptilien vom Chinaturm nicht kennt, war am Silvester nicht im dortigen Biergarten. Freilich geht man zum Jahresabschluss im Normalfall nicht dorthin. Aber was ist heutzutage schon normal?

Dem Titel zufolge handelt es sich im Beitrag um die männliche Bezeichnung einer Tätigkeit des schneller Werdens im Umgang mit fußlosen Tieren. Nachdem ich am Wirtshaustisch gefragt hatte, um was es dabei genau gehen könnte, blickte ich in ratlose, allerdings auch lächelnde Gesichter.

  • Gleich wurde ich verdächtig, den Anwesenden einen Bären aufbinden zu wollen. Schließlich sei allgemein bekannt, dass es im Park nur Vögel, Igel, Eichhörnchen, Wildkaninchen, Feldhasen, Füchse, Biber und Rehe gebe, jedoch keine Schlangen.
  • Ein Spaßvogel zwitscherte, dass es sich um ein neues alkoholisches Getränk für falsche weibliche Schlangen handle.
  • Die Meinung eines anderen Wirtshausbruders war, dass Schlangen auch im Autoverkehr vorkommen. Da diese ständig zunehmen, handle es sich um eine Form der Beschleunigung im Blick auf die Anzahl. Allerdings würden Beschleunigungsmaßnahmen Autoschlangen eher auflösen.
  • Auf der Straße zum Parkplatz des Biergartens am Chinesischen Turm seien schon Autoschlangen gesichtet worden. Sie wurden aber wegen der begrenzten Anzahl der Stellplätze nicht beschleunigt, sondern zurückgewiesen.

Ich gab zu bedenken, dass mit der Geschwindigkeitserhöhung keine Verkehrsmittel, sondern auch Personen und Tätigkeiten gemeint sein können.

  • Empört reagierte eine Wirtshausschwester, dass solche Schimpfwörter für hinterhältige Frauen auch für Männer zutreffend seien. Meine man eine Personenbezeichnung, müsse die Mehrzahl und eine Genderform verwendet werden.
  • Das gelte erst recht, falls die Tätigkeit beruflicher Natur sei, kam als Hinweis. Es folgte die Forderung, SchlangenbeschleunigerInnen sei die korrekte Schreibweise in der gendergerechten Münchner Stadtverwaltung.

Mein Einwand war, dass sich die Tätigkeit nicht im städtischen Tierpark Hellabrunn, sondern im staatlichen Englischen Garten ereignet hatte. Ein Gscheithaferl strahlte mich überglücklich an, weil er sich sicher war, die Lösung gefunden zu haben.

  • Freudig teilte er dem Wirtshaustisch mit, dass ich die Schlange an der Biergartenkasse meine.

Pech gehabt, gab ich zurück. Solche Schlangen sind am Chinaturm schon lange ausgestorben, weil der Betrieb auf Supermarkt mit mehreren Kassen umgestellt worden ist.

  • Ein anderer Schlaumeier kam auf die Schlange an der Schänke.

Jetzt wollte ich freilich nicht gleich aufgeben und erklärte, dass der Supermarkt am Turm über drei Schänken verfüge: alkoholfreie Getränke, Bier in Halb-Liter-Krügen und Bier in Maßkrügen. Bei Bedarf werden sogar zusätzliche Schänken geöffnet.

  • Es sei doch Silvester und ein Ausnahmetag mit einer Temperatur bis 20 Grad plus gewesen, war zu vernehmen. Da sei es wahrscheinlich zu Mängeln bei Personal und bei Angeboten von Getränken, Speisen und Plätzen gekommen.

Mit dieser Aussage musste ich mich natürlich geschlagen geben. Im Biergarten konnte man zwar keine Schlange vor der Schänke sehen, diese befand sich aber innerhalb des umzäunten, mit Drehkreuzen versehenen Hochsicherheitstrakts. Zu Beginn des Biergartenbooms in den 1970er Jahren waren lange Schlangen zwischen Restaurantterrasse und Schänke entstanden. Heute stehen die Durstigen dicht aufeinanderfolgend in ein oder zwei Reihen innerhalb des Supermarktbereichs.

Am Silvester 2022 kam es jedoch nur zu einer mehr oder weniger geordneten Zweier- oder Dreierreihe, weil nur eine Schänke alle Getränke angeboten hat. Das war also die von mir gemeinte Schlange.

Üblicherweise hätte ich zum Bier auch eine kleine Brotzeit mitgenommen. Dazu wäre aber das erneute Anstehen und Warten in einer weiteren, gegenläufigen Reihe notwendig gewesen. Der umzäunte Bereich war mit den beiden Schlangen so überfüllt, dass ich nach der ersten Schlange mit der mühsam ergatterten Maß gleich geflohen bin.

Davor war er aber auf einmal in seiner sensationellen Pracht und Macht zu erleben.

Der Schlangenbeschleuniger vom Chinesischen Turm

Die Tätigkeit konnte man in der Warteschlange schon einige Meter vor der Schänke beobachten und leicht verstehen. Er fragte die durstigen Supermarktgäste nach den Getränkewünschen und reichte ihm oder ihr den Krug oder das Glas. Das Prinzip der Selbstbedienung wurde damit umgangen und der Vorgang der Getränkemitnahme beschleunigt.

Darauf muss man erst einmal kommen. Wahrscheinlich ist der Schlangenbeschleuniger vom Schankpersonal spontan und aus der Not des hohen Andrangs geboren worden. Vielleicht entstammt der neue Tätigkeitsbereich aber auch den Beobachtungen und Erkenntnissen eines findigen Geschäftsführers der Haberl Gastronomie. In jedem Fall ergeben sich Vorteile für den Geldbeutel der Betreiberfirma und die wartenden Biergartengäste in der Schlange.

Durch die vorherige Beobachtung und die direkte, persönliche Ansprache wird die Entscheidung über den Getränkewunsch beschleunigt. Die komfortable, fehlerfreie Übergabe lässt den Besteller mit dem Getränk schneller weggehen als ohne Beschleuniger. Mangelnde Sprachkenntnisse werden bei Touristen und Personal bedeutungslos.

Als anatomische Voraussetzung muss der Schlangenbeschleuniger über große Hände verfügen – oiso gscheide Brazn, koane bodschadn Handal. Er übergibt nämlich den Maßkrug mit einer Hand so, dass Gäste den Henkel greifen können. Insofern ist die Tätigkeit eher für Männer geeignet. Charmante beidhändige Übergabe durch Damen ist aber in Zukunft vorstellbar. Im Sinne der Gleichstellung wäre das am Chinaturm ein deutlicher Fortschritt gegenüber den männlichen orientalischen Schlangenbeschwörern.

Ansonsten ist der Schlangenbeschleuniger freundlich, mehrsprachig, flexibel, kontaktfreudig und überzeugend. Er kann Gästen Entscheidungen zum Getränk abnehmen und Anweisungen an das Schankpersonal geben. Sein einziger Nachteil ist, dass es sich um eine zusätzliche Arbeitskraft handelt.

Personalkosten sind Gift für das Supermarktdenken

Beliebtheit, touristische Attraktivität und wirtschaftlicher Erfolg des Biergartens am Chinesischen Turm haben zum Supermarkt geführt. Als nächster Schritt muss die Selbstbedienung beschleunigt werden. Man will ja schließlich weiterhin wachsen. Ein Biergartenangebot mit Bedienungspersonal wäre hoffnungslos rückständig und ist am Chinaturm schon längst abgeschafft worden.

Das traditionelle Restaurantgebäude mit Ausstattung und großer Terrasse ist zwar vorhanden. Der Gastraum wird von der pachtenden Haberl Gastronomie lieber als Warenlager genutzt, damit der Supermarkt-Profit wächst.

Dieser fragwürdige Missbrauch erfolgt mit Duldung durch die Eigentümer: Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen sowie Bayerisches Staatsministerium der Finanzen und für Heimat. Wenn die Pächterfirma unfähig ist, eine historische Gastronomie-Immobilie bestimmungsgemäß zu nutzen, müsste sie eigentlich gekündigt werden. Englischer Garten und Chinesischer Turm gehören dem Volk, nicht den sogenannten Staatsdienern oder Großgastronomen. Das hat aber jetzt wirklich nichts mehr mit dem Schlangenbeschleuniger zu tun.

Vielmehr könnte man sich fragen, wieso ich am Silvester 2022 auf die Idee gekommen bin, zum Chinesischen Turm zu gehen. Die Antwort ist ganz einfach: Kapelle Mathias Achatz hat im Internet angekündigt, dort ab 13:00 Uhr zu spielen. In meiner nahen Wohnung hörte ich die Blasmusik schon um 12:50 Uhr.

Gespannt wollte ich das ungewöhnliche Biergartenerlebnis nicht versäumen. Das Repertoire der Blaskapelle war mir ja von vielen sommerlichen 2022er Besuchen bekannt. Leidvoll musste ich im Biergarten häufig das Bett im Kornfeld über mich ergehen lassen.

Ein bayerischer Biergarten braucht kein Bett in Kornfeld

Beim dreistündigen Silvester-Zuhören verstärkte sich mein bisheriger Eindruck, es handelt sich mehr um internationale Unterhaltungsmusik als um eine bayerische Blaskapelle. Und das passt wiederum eher zu einem touristischen Angebot als zu einem heimatlichen Musikgenuss. Es ist zwar Livemusik, gehört aber in die Kategorie Supermarkt- oder Kaufhausbeschallung. 

Jetzt höre ich auf, bevor ich den Musikanten und dem Biergarten endgültig nicht gerecht werde. Eigentlich gehe ich ja gerne zum Turm, kenne die Entwicklung als Nachbar schon seit 1975 und möchte kein alter Grantler sein.

Mir ist es eine Freude, dort junge Leute zu erleben. Dem ignoranten Stinkstiefel-Touristen-Paar, das sich bei meiner ersten Maß ohne Grüßen und Fragen neben mich an freigewordene Bierbankplätze gesetzt hat, wünsche ich kein gutes neues Jahr. Grüßen und Fragen nach dem Platz gehören zur Höflichkeit und werden in allen Sprachen verstanden. Leserinnen und Lesern meines Schlangenbeschleunigers haben sich hingegen schon die besten Wünsche verdient.

Tivolifoto wünscht allen Gästen ein gutes und gesundes neues Jahr 2023

Mit der zweiten Maß ist alles besser geworden. Leider war aber der sensationelle Schlangenbeschleuniger mitsamt seiner Schlange verschwunden. Beim Bierholen ohne Schlange konnte ich mich ned amoi gscheit aufregn. Dafür hat diese Wirtshaus- und Biergartengeschichte den Weg in mein Notizbuch gefunden.

Das Erleben vor der Haustür schreibt die schönsten Geschichten. Man muss nur genau hinschauen. Es ist immer wieder erstaunlich, was man mit den 26 Buchstaben des Alphabets alles machen kann, ohne dass ein Handyfoto notwendig ist. Die Aussage, ein Bild sagt mehr als tausend Worte, ist ein Schmarrn. Ohne ein Foto von ihm weiß jetzt die ganze Welt mit dem Internet, was ein Schlangenbeschleuniger ist.

Einige Silvester-Fotos vom Biergarten am Chinesischen Turm möchte ich den Gästen von Tivolifoto natürlich nicht vorenthalten.

Chinesischer Turm mit fragwürdigen Gastronomie-Gebäuden

Teile von Baumleichen als Stehtische für adventliche und weihnachtliche Glühweinorgien zu verwenden, ist Geschmackssache. An Silvester 2022 werden sie jedenfalls nicht gebraucht. Die Geschmacklosigkeit der Kassencontainer ist deutlich zu erkennen. Noch hat sich keine Schlange vor der Schänke gebildet.

Voller Biergarten an Silvester 2022

Falls der Winter doch noch kommt, hat man keine Tische und Stühle, sondern nur Biertische und Bierbänke aufgestellt, die schnell wieder wegzuräumen sind.

Chinesischer Turm mit neuen Dachschindeln

Im 4. Quartal 2022 haben die Dächer des Chinesischen Turms neue Schindeln bekommen. Insgesamt wirken Biergartenansichten ohne Laub schon etwas befremdlich – so wie Sonnenbrillenträger wegen der starken Silvestersonne.

Glühweinbuden und Kassencontainer

Die Scheußlichkeit von zusammengewürfelten Glühweinbuden und Kassencontainern in der Umgebung von historischen Gebäuden ist doch klar zu erkennen.

Biergarten-Supermarkt mit vorgelagerten Kassencontainern

Im Hintergrund befindet sich der Biergarten-Supermarkt mit vorgelagerten Kassencontainern und deren Schießscharten.

Drehkreuze, Zäune und Schildermeer

Drehkreuze, Zäune und ein Schildermeer bestimmen den Supermarkt-Biergarten.

Restaurant am Chinesischen Turm

Wirtshaus-Skandal am Chinesischen Turm

Das Gaststättengebäude von 1912 ist eine Nachbildung des Vorgängerbaus von 1789/90 mit Gastraum und Festsaal im Obergeschoss. Vermutlich wurde es schon 2017 oder 2018 aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen. Die genauen Ursachen verschwiegen die Pächterfirma als Betreiber und das Finanzministerium als staatlicher Verwalter.

Das Versagen muss aber bei der Haberl Gastronomie liegen. Wenn nämlich etwas nicht mehr funktioniert, dann muss man es reparieren, renovieren und neu anbieten. Die staatliche Immobilie wird aber der Öffentlichkeit über mehrere Jahre vorenthalten, zugesperrt und missbraucht. Anscheinend wird der Pachtvertrag nicht eingehalten und ist somit unwirksam. Gastronomiepacht beinhaltet nämlich auch die bestimmungsgemäße Verwendung von Gebäuden und Räumlichkeiten, nicht nur das Abkassieren der Biergarten-Supermarkt-Erträge.

Wahrscheinlich wird das Gebäude von der Pächterfirma, die auch Betreiberin des Biergarten-Supermarkts ist, als Abstellraum und Warenlager missbraucht. Nach Beobachtungen haben Biergartenmitarbeiter angelieferte Paletten mit Plastikkisten aufgeteilt und in das Bauwerk getragen.

Schlösserverwaltung und Finanzministerium als Verwalter sowie das bayerische Staatsvolk als Eigentümer schauen noch zu. Auf dem Foto lacht die Sonne, aber bei den Einheimischen wächst der Unmut über das fehlende gastronomische Angebot. Münchner und Touristen haben ein Recht auf ein Wirtshaus in dieser traditionellen Lage, und die Pächterfirma die Pflicht ein Wirtshaus anzubieten.

Der entstandene Budenverhau mit den Fastfood-Angeboten für Spaziergänger ist eine Schande. Die Gaststätte Chinesischer Turm darf nicht weiterhin leer stehen und soll kein gehobenes Allerwelts-Restaurant für Events und Touristengruppen sein. Einheimische und Gäste bevorzugen ein Münchner Wirtshaus, das sich ganzjährig und bei jedem Wetter für Spaziergänger im Englischen Garten anbietet.

Zum Chinesischen Turm gehörten seit 1790 ein Chinesisches Wirtshaus, das nicht dem Kommerz geopfert werden darf. Ein Leerstand bei privatem Besitz ist eine private Angelegenheit, bei staatlichem, gemeinschaftlichem Eigentum besteht die Pflicht zur traditionsgemäßen Nutzung. Dieser Zweck darf nicht entfremdet werden.

Es kommen auch Gäste zum Chinesischen Turm, welche die Selbstbedienung in diesem Biergarten-Supermarkt nicht mitmachen wollen oder können. Preisvorteile gibt es sowieso keine. Wenn die Haberl Gastronomie nicht in Lage ist, das Chinesische Wirtshaus wirtschaftlich erfolgreich zu betreiben, dann ist die staatliche Verwaltung verantwortlich und verpflichtet, das Gebäude an ein anderes Unternehmen zu verpachten. Oder werden den Staatsdienern für den Missbrauch des Leerstands der staatlichen Immobilie Vorteile gewährt?

Kapelle Mathias Achatz

Kapelle Mathias Achatz mit internationaler Unterhaltungsmusik, aber auch heimatlichen Klängen

Kapelle Mathias Achatz

Für die Stimmung im Biergarten wäre es besser, wenn die Blaskapelle nicht im Turmgebäude, sondern ebenerdig und direkt bei den Gästen spielen würde – so wie während der Renovierungsarbeiten für die Dächer des Turms. Die Beschallung des Biergartens leidet darunter nicht. Gäste des Biergartens freuen sich über den die direkte Begegnung mit den Musikanten, wie dieses verlinkte Fotoalbum zeigt.

Chinesischer Turm

Auf dem linken Foto spielt noch die Kapelle, rechts ist sie schon fort, die Lampen leuchten. Der Silvesternachmittag 2022 im Biergarten am Chinesischen Turm neigt sich dem Ende zu.

2 Kommentare

  1. Wieder ein köstlicher Beitrag, zum Schmunzeln und zum Nachdenken darüber, was sich in unserer Wohlstandsgesellschaft so alles entwickeln kann.

    • Die sensationelle Tätigkeit des Schlangenbeschleunigers wird bestimmt bald Nachahmer finden und sich zu einem eigenen Berufsbild in der Gastronomie entwickeln. Danke für den freundlichen Kommentar.

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