Django und die Sicherheit im Traditionszelt

Link für den freien Download des Artikels als PDF-DateiWeil die Oide Wiesn als Teil des Oktoberfests 2016 wegen des Zentrallandwirtschaftsfests pausieren musste, verständigten sich die Stadt und der Bauernverband auf eine Beibehaltung des Festzelts Tradition innerhalb des ZLFs und auf die öffentliche Weiterführung des Zeltbetriebs in der zweiten Oktoberfestwoche. Für mich bedeutete dies wieder eine unterhaltsame Möglichkeit, meine fotografische Motivsammlung von Musikanten und Trachtlern zu erweitern. In der ZLF-Woche musste man am Nachmittag einen ermäßigten ZLF-Eintrittspreis von sieben Euro bezahlen. Danach konnte man tagsüber frei und abends für symbolische zwei Euro eintreten. Weil diese Möglichkeiten in der Öffentlichkeit wenig bekannt und die Besucherzahlen der Wiesn 2016 insgesamt rückläufig waren, gab es im Traditionszelt durchwegs viel Platz. Das hervorragende traditionelle Angebot wurde wie üblich vom Verein Festring München organisiert. Nachteil gegenüber der Oidn Wiesn war, dass man das Zelt nicht wechseln konnte, ohne auf den internationalen Preußenfasching Oktoberfest zu gehen. Somit mussten sich meine elfmaligen Fotostreifzüge auf das Traditionszelt beschränken. Dabei bemerkte ich Besonderheiten, die mir bei einem einmaligen Besuch vermutlich nicht aufgefallen wären.

Diese Hintergründe berichtete ich Django an einem meiner Traditionszelt-freien-Tage in der zweiten Woche. Er hatte schon gewusst, dass die Bürgermeister und ihre Stadtratskomplizen in der Oktoberfestverordnung vom 24. August 2016 verboten hatten, Rucksäcke und Taschen mit einem Fassungsvermögen von mehr als drei Litern auf das Festgelände mitzunehmen. Ich erklärte Django, dass der städtisch empfohlene, lächerliche Drei-Milchtüten-Test bei meiner Fototasche positiv gewesen wäre. Daraufhin musste ich mir für 50 Euro eine neue Fototasche in volumensparender Coltform kaufen. Meine Hülle für den Aufsteckblitz befestigte ich am Umhängegurt. Fotozubehör und Notizbuch steckte ich in meine Jackentaschen. Das Transportproblem meiner Waffen war gelöst. Ich glaubte, meinen Fotoapparat ohne Kontrolle in das Traditionszelt mitnehmen zu können.

Dabei hatte ich aber nicht mit den neuen Hilfssheriffs der Stadtverwaltung gerechnet. Die Stadt hatte nämlich 2016 aus Sicherheitsgründen die Zahl der 250 kommunalen Ordner auf 450 erhöht und dafür insgesamt 3,6 Millionen Euro ausgegeben. Für 60 Euro Brutto pro Ordnerstunde brauchten die vielen Sicherheitsspezialisten natürlich sinnvolle Aufgaben, damit die etwa neun Euro Netto gerechtfertigt sind. Deshalb nötigten mich immer mehrere Hilfssheriffs gleichzeitig, beim Betreten des ZLFs, des Oktoberfests und des Festzelts Tradition, meine Tasche zu öffnen und meinen Fotoapparat herzuzeigen. Weil Django ein Freund und Bewunderer meiner Fotounterhaltung ist, bemerkte ich bei meinem Bericht erste finstere Züge in seinem Gesicht. Er meinte, dass die vielen Hilfssheriffs mehr Probleme machen würden, als sie lösen könnten.

Ich konnte dies nur bestätigen und wies zudem auf die künftige Umlage der Ordnerkosten mit einer Preissteigerung für die Gäste hin. Bürgermeister und Stadträte würden somit in gemeinsamer Täterschaft mit Festwirten zu Preistreibern. Man muss sich diese Ungeheuerlichkeit einmal vorstellen. Alle städtischen Volksvertreter stellen alle Volksfestbesucher unter Generalverdacht, Gegenstände für Gewaltaktionen und Terror mitzuführen. Meine Bürgermeister und Stadträte verdächtigen mich nicht bloß mehrheitlich, sondern überparteilich und einstimmig. Sie engagierten Personal, damit meine Fototasche vor dem Besuch eines Volksfests durchsucht wird. Dieses Personal muss ich dann im nächsten Jahr auch noch selbst bezahlen. Außerdem werde ich gezwungen, mir eine neue Fototasche zu kaufen. Django meinte nur, dass diese Feiglinge einfach Angst um ihren eigenen Hintern auf den wohlversorgten Stimmviehsesseln hätten. Deshalb würden sie Angst verbreiten, indem sie Freiheiten durch Verbote, Kontrolle und Überwachung einschränken lassen. Der nächste Schritt sei die Ausweiskontrolle mit Registrierung, dann käme der Bewegungschip, der bei den Handys ohnehin schon eingebaut ist.

Weiter vermutete Django, dass die vielen Hilfssheriffs aus dem Umfeld von Arbeitsverweigerern, Rechtsextremisten, Kampfsportgruppen und Rockerbanden kommen würden. Ich konnte dies nur bestätigen, weil ich im Traditionszelt Hilfssheriffs beim privaten Umgang mit Personen der entsprechenden Erscheinungsbilder und mit Kuttenträgern wahrgenommen hatte. Für diese Einschätzung sprach auch, dass die Stadt von 3193 insgesamt gemeldeten Ordnern 305 Personen ablehnen musste. Darüber hinaus wurden bei einem neu verpflichteten Kölner Sicherheits-Unternehmen zehn Prozent der gemeldeten Personen abgewiesen. Dazu gab es Probleme mit gefälschten Sicherheits-Zertifikaten. Vertrauenserweckend hätte keiner der 2531 verbliebenen Ordner mit Arbeitserlaubnis ausgesehen, meinte ich zu Django. Mein Eindruck war eher, dass von denen eine Bedrohung ausgehen würde. Dies vermittelte auch das fragwürdige äußere Erscheinungsbild mit Warnwesten in Signalfarbe. Ich berichtete von fetten, geschorenen Widerlingen und zweifelhaften Weibsgestalten, die ihren Machtanspruch überheblich zur Schau stellten. Ein zurückhaltendes Dienen für ein freundliches Sicherheitsgefühl beim geselligen Feiern in einem gemütlichen Festzelt konnte ich bei meinen Besuchen nicht feststellen.

Django verzog das Gesicht und erklärte, dass er auf einem bayerischen Volksfest und vor allem in einem Traditionszelt nur freundliche Gesichter und angemessene Kleidung erwarten würde. Man hätte es doch nicht mit dem ADAC oder der Müllabfuhr zu tun. Er schimpfte, dass die doch Trachtenjanker tragen sollen so wie die Ordner im Hofbräuhaus. Ich gab zu bedenken, dass Festwirte dies vermutlich auf den Bierpreis umlegen würden. Darüber hinaus wäre es doch günstig, mit Warnwesten vor der Sicherheit und Ordnung dieses Security-Personals gewarnt zu werden. Da wüsste man doch, mit wem man es zu tun hätte. Eine Security-Warnweste würde doch gleich anzeigen, dass die Ordnungskraft über einen einfachen Schulabschluss mit Grundkenntnissen der englischen Sprache verfügen könnte. Django meinte nur, dass ein solcher Personenkreis in geordneten Arbeitsverhältnissen zu finden wäre und nicht zum Mindestlohn als Hilfssheriff auf der Wiesn.

Ich gab ihm Recht und berichtete weiter von meinen Erlebnissen im Traditionszelt. Einmal wollte ich das Zelt betreten. Weit und breit waren keine anderen herauskommenden oder eintretenden Personen zu sehen. Das Zelt war nur zur Hälfte gefüllt. Da baute sich ein Security-Grischperl neben mir auf und erklärte, dass diese Tür ein Ausgang sei. Ich war aber schon halb an ihm vorbei und unterdrückte den Finger, der ihm den Besitz eines Vogels anzeigen sollte. Ein andermal wollte ich das Traditionszelt über einen Nebenausgang verlassen so wie etliche Personen vor mir. Plötzlich stellte sich wieder ein Spargel-Tarzan mit Warnweste vor mir auf und erklärte, dass die Tür jetzt geschlossen sei. Ich wandte ein, dass eben noch Leute durchgegangen wären und warum er mir dies jetzt verbieten würde. Die besonders helle Leuchte am Himmel der Sicherheit sagte einfach nur aus Sicherheitsgründen. Eine dritte Beobachtung war, dass sich die Security-Bande im Traditionszelt nicht diskret zurückhielt, sondern auf Patrouille ging. Es war ihnen langweilig und so durchstreiften sie vollkommen überflüssig mit ihren Warnwesten das friedliche, mäßig gefüllte Festzelt. Die zahlreichen Videos des Bayerischen Fernsehens bei YouTube zeigen eindrucksvolle Szenen davon. Der Gipfel waren aber Taschenkontrollen beim Verlassen des Festzelts. Wilde weiblich und männliche Security-Teufel wühlten sich sogar durch die großen Werbe-Papier-Taschen des ZLFs und machten nicht vor kleinsten Damenhandtaschen halt.

Insgesamt gab ich Django damit zu verstehen, dass alle Gäste nicht beschützt, sondern kontrolliert und überwacht oder vielleicht sogar provoziert werden sollten. Den absoluten Höhepunkt bildete ein fragwürdiges Subjekt im Kampfanzug mit Warnweste, das sich mit grimmiger Miene vor der Musikbühne aufbaute, als ich ein Jugendorchester fotografieren wollte. Leider kann ich die Aufnahme hier nicht herzeigen, weil sie wegen meiner Angst-Erzitterung verwackelt ist und ich keine Idiotie-Nachweise veröffentlichen möchte. Django hatte dafür Verständnis und beschloss, sich selbst ein Bild über die Sicherheitslage im Traditionszelt zu machen. Einen weiteren Schwachsinnsbeweis möchte ich ebenfalls nicht herzeigen. Das Traditionszelt machte mit einem riesigen LCD-Bildschirm hinter den Gastkapellen Werbung für den sogenannten Dorfplatz vor dem Zelt. Geworben wurde stundenlang mit drei wechselnden Bildern und Texten im Fünfzehn-Sekunden-Wechsel für Mitbringsel, Schaubrauerei und angeblichen Kinderspaß. Diese visuelle Umweltverschmutzung beeinträchtigte das Fotografieren und Musik Erleben mit den Gastkapellen erheblich. Deshalb kann ich keinen 2016er Fotobeitrag mit den Musikanten im Traditionszelt anbieten.

Die größte Sünde und der höchste Verstoß gegen die Tradition war jedoch der abscheuliche Dorfplatz. Auch hier gibt es Videodokumente im Internet, die meine Fotos erübrigen. Beim ZLF war wohl der Bauernverband dafür zuständig. Die Geschmacklosigkeit wurde aber in der zweiten Wiesnwoche vom Traditionszelt durch das Aufstellen von zwei Hüpfburgen übertroffen. Dem wahrscheinlich verantwortlichen Festwirt ging es vermutlich überhaupt nicht um Tradition. Er hatte ja nicht einmal ein Veranstaltungsprogramm im Internet angeboten. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Festzelt Tradition mit Trachtenvereinen, Gebirgsschützen und Blasmusikanten, bei dem im Vorfeld eine Cowboy-Pferd- und eine Giraffen-Hüpfburg stehen. Django unterdrückte einen Würgereiz und griff instinktiv nach seiner Waffe. Wir beschlossen die gemeinsame Besichtigung der gesamten Angelegenheiten.

Weil Django traditionell ausschließlich mit seinem Racheinstrument durch München geht, trägt er dieses in Zeiten von Terrorangst, Taschenkontrollen und Videoüberwachung nur mehr in Kleinausgabe und verdeckt unter der Bekleidung. Das sogenannte Sicherheitspersonal soll es nicht sehen. Ich bin dagegen bloß mit meinem Fotoapparat in der neuen Tasche bewaffnet. Am dritten Wiesn-Samstag überwinden wir gemeinsam die ersten Kontrollen am Wiesneingang bei der Matthias-Pschorr-Straße. Ich musste wieder meinen Fotoapparat herzeigen, Django marschierte unkontrolliert durch die grimmigen Warnwestenträger und die anschließend freundlichen, ausgebildeten und echten Sheriffs mit Schutz- und Kampfausrüstung. Die dritte Kontrolle war der Eintritt in den Traditionsbereich. Django zog den Hut tief ins Gesicht, damit ihm der scheußliche Anblick der Hüpfburgen wenigstens teilweise erspart blieb. Beim Betreten des Festzelts gab es das bekannte Spiel. Django wurde mit der verdeckten Waffe durchgewunken, und ich musste meinen Fotoapparat herzeigen.

Jetzt kam endlich der gemütliche Teil. Mit Blasmusik, Bier, Brotzeit, Trachten- und Volkstanzschau sowie freundlichen Bedienungen hatten wir ein angenehmes Volksfest Erleben. Django stellte aber fest, dass meine vorherigen Berichte zutreffend und ausreichend für den Einsatz seines Racheinstruments wären. Entsetzt sah ich ihn an und flüsterte, ob er denn spinnen würde, er könne doch keine Ordner erschießen. Das wäre auch nicht nötig, meinte er, weil er eine andere Idee habe. Natürlich würde er schießen, jedoch nicht auf ein Security-Würstl, sondern auf die Hüpfburg-Monster. Ich gab sofort zu bedenken, dass durch einen Knall die höchste Terror-Alarmstufe ausgelöst würde. Mein Einwand ließ Django aber kalt. Er meinte nur, dass sein Racheinstrument nicht mehr als die Goaßlschnalzer knallen würde.

Ich wurde von Django beauftragt, den anwesenden Goaßlschnalzern Freibier auszugeben, wenn sie zwischendurch auf dem sogenannten Dorfplatz vor dem Traditionszelt schnalzen würden. Die Burschen machten die kleine Gaudi natürlich gerne mit. Django stellte sich vor die beiden Hüpfburgen und impfte sie beim Knallen der Goaßl mit Blei aus seinem Racheinstrument. Niemand bemerkte das faire Duell, weil die Luft nicht explosionsartig, sondern langsam entwich und die ganze Aufmerksamkeit bei den Goaßlschnalzern war. Anschließend tranken die Goaßlschnalzer im Festzelt ihre Freibiermaßen aus. Ich entfernte mich mit Django, dem Hüpfburgkiller, unauffällig aus dem Traditionsbereich. Wir hatten die Angelegenheiten gerächt, und ich kann weiterhin versuchen, von Dummheit befreite Fotografien mit Musikanten und Trachten zu machen. Der scheußliche Pseudo-Dorfplatz war dann am letzten Wiesnsonntag und dem darauf folgenden Feiertag von den Gummi-Monstern befreit. Dummheit und Gefährlichkeit von überflüssigen Verboten, Kontrollen und Überwachung werden aber wohl bleiben. Es soll nur niemand sagen, von nichts gewusst zu haben. Sicherheit darf nicht zu Lasten von Freiheit gehen.

Django und die Sicherheit im Traditionszelt

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