Django und das Erbe des Deiglmayrs vom Aumeister

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Link für den freien Download des Artikels als PDF-DateiDjango ist ein gnadenloser Rächer, ein schlechter Bierholer und ein lausiger Erzähler. Seine Geschichten sind ohne jeglichen Wahrheitsgehalt und dienen nur der Unterhaltung am Biergartentisch. Die Vorträge am Aumeister sind durch Längen und Lücken sowie Nebensächlichkeiten und Wiederholungen gekennzeichnet. Meist gibt es nur etwas zum Gähnen und selten einen Anlass zum Lachen. Einmal berichtete er mir aber von den spannenden Begebenheiten um das Erbe einer Münchner Familie aus den Anfängen des Königreichs Bayern. Ich fühlte mich fast in einen Heimat- oder Kriminalfilm versetzt und bewunderte Django wegen seiner Phantasie. In diesem Fall wies er mich auf das Schild am Gebäude des Aumeisters hin. Die Aufschrift war: „Erbaut 1810-11 als Aujägermeisterhaus nach Plänen des Hofmaurermeisters Josef Deiglmayr.“ Django drehte das Rad der Geschichte noch weiter zurück und begann seine Erzählung bei Deiglmayrs Vater.

Deiglmayr Senior war eine Exzellenz am kurfürstlichen Hof und als Oberstjägermeister zuständig für das kurfürstliche Jagdrevier in der Hirschau, welches nördlich der Residenzstadt München lag. Wegen seiner treuen Dienste schenkte ihm der Kurfürst einige für damalige Verhältnisse fast wertlose Grundstücke im Sumpf-, Wald- und Ödland westlich der Isar. Der alte Deiglmayr lies das Gelände trockenlegen und bewirtschaftete seine neues Eigentum erfolgreich mit verschiedenen Unternehmungen. Das Ehepaar Deiglmayr lebte mit zwei Söhnen in der Sankt Anna Vorstadt, die 1724 in den Burgfrieden der Residenzstadt einbezogen wurde. Der älteste Sohn Carl war wie sein Vater Hofbeamter mit der Funktion eines ab 1806 königlich bayerischen Forstverwalters in der Hirschau. Seinen Dienstsitz im Lehel verlegte König Maximilian I. Joseph 1810 mit einem Neubau zum Aumeister.

Der jüngere Sohn Josef Deiglmayr bekam die Stelle eines Hofmaurermeisters mit dem Auftrag, das Aujägermeisterhaus in den adeligen Jagdgründen zu planen. Er war am Hof angesehen, weil er schon mehrere Bauten in der Residenzstadt errichtet hatte und somit über ein beachtliches Privatvermögen verfügte. Dadurch konnte er es sich leisten, bei seiner Eheschließung den Wohnsitz von der eher handwerklich geprägten Vorstadt in eine stattliche Villa an den Starnberger See zu verlegen.

In der Folgezeit musste der alte Deiglmayr wegen Krankheit seine Dienste für das neue Königreich beenden und die privaten Geschäfte an einen Verwalter übergeben. Nach seinem Tod verkaufte die Ehefrau den gesamten Besitz und zog alt und krank, aber vermögend in eine Heil- und Kuranstalt an den Starnberger See, in die Nähe ihres jüngeren Sohnes Josef und seiner Ehefrau.

Carl Deiglmayr, der ledige, gebildete und ältere Sohn war nach der Verwaltung der Hirschau und der erfolgreichen Veranstaltung von adeligen Jagden in mehreren königlichen Diensten tätig. Er hatte ein normales Verhältnis zu Eltern und Bruder mit üblichen Besuchen und Geschenken. Carl ging von gelegentlichen Hilfen des Bruders für die Mutter aus, da dieser in ihrer Nähe der Kuranstalt am See lebte. Er rechnete aber nicht mit der kinderlosen Ehefrau seines Bruders.

Ninette Deiglmayr, geborene Teyflfinger hatte es nämlich auf das Vermögen ihrer Schwiegermutter Anette Deiglmayr abgesehen. Sie glaubte zunächst an die Wirksamkeit von gezielten, verleumderischen Unterstellungen. Nebenbei bemerkte sie in etlichen Gesprächen mit der Schwiegermutter, dass verminderte Zurechnungsfähigkeit von Personen mit akademischer Bildung ja landläufig bekannt sei: „De Gschudierten san doch eh olle gschpinnert.“ Nach ihrer Einschätzung war ein finanzieller Bedarf von Königlichen Hofbeamten im Alter nicht gegeben: „De ham doch eh olle a hohe Pension.“

Bei der Mutter Anette Deiglmayr traf die Schwiegertochter aber auf taube Ohren. Für die Witwe war das gemeinsame Testament mit dem verstorbenen Ehemann und den gleichen Teilen für die beiden Söhne unumstößlich. Als die Krankheit der Schwiegermutter begann, führte Ninette die Verweigerung von Hilfen als neue Waffe ins Feld. Sie zwang ihren Ehemann, der Mutter und dem Bruder mitzuteilen, keine weiteren Kontaktangebote zu wollen. Die kalte Berechnung war, dass der Schwager durch seine verpflichtenden Dienste für das Königreich und die Entfernung zur Mutter nicht in der Lage war, dieser zu helfen.

Josef Deiglmayr musste seinem Weib gehorchen und brach die Beziehung zur Mutter ab. Über die Hintergründe dieses widernatürlichen Verhaltens konnte man nur spekulieren. Materielle Not schied aus, weil mehrere Immobilien vorhanden waren. Konflikte unter Brüdern oder mit der Mutter hatte es bislang nicht gegeben. Körperliche Unterlegenheit und sexuelle Unterwerfung waren eher unwahrscheinlich. Als Motive für die erzwungene Knechtung des Maurermeisters kamen somit nur Habgier und seelische Grausamkeit in Frage. Diese Motive konnten aber nur auf Ninette und nicht auf Josef Deiglmayr zutreffen, weil dieser bis zu seiner Ehe von seiner Umgebung als umgänglicher, kluger und fleißiger Mann geachtet wurde. Sein Umfeld machte aber den Fehler, ihn nicht vor der Teyflfingerin zu warnen.

Carl Deiglmayr sah sich gezwungen, seiner Mutter trotz Dienst und Entfernung selbst zu helfen. Er trug sein Anliegen dem König vor. Der sonst so gnädige Monarch wies aber wegen verleumderischer Intrigen von missgünstigen Hofbeamten an: „Dem Deiglmayr seyn Zugstendnis für Familienanglegenhaiten net zu machen.“ Dies führte jedoch zur Erkrankung von Carl. Die Königlichen Hofärzte mussten ihn in den Ruhestand versetzen. Dieser Umstand kam Carl und seiner Mutter gelegen. Er unternahm regelmäßige Kutschfahrten zur Mutter und gab luxuriöse Empfänge in Starnberg oder in der Kuranstalt. Dabei bekamen die Gäste erlesene Speisen und Getränke sowie kostspielige Geschenke. Die Fahrten, Aufenthalte und Veranstaltungen sowie weitere private Unternehmungen und Unterhaltungen finanzierte er mit dem Einverständnis und dem Geld der Mutter. Carl sorgte dafür, dass seine Mutter lernte, ihren Reichtum zu genießen. Er gründete im Auftrag der Mutter die Anette Deiglmayr Stiftung zum Wohl alleinstehender Frauen und kaufte die Heil- und Kuranstalt am Starnberger See.

Damit hatte Ninette Deiglmayr nicht gerechnet. Sie untersagte ihrem Mann Josef jeglichen Kontakt zur Mutter in der Hoffnung, das gesamte Erbe doch noch auf ihre Seite zu bringen. Die Beziehung von Mutter Deiglmayr zu ihrem ältesten Sohn festigte sich. Carl wurde zum persönlichen Vertrauten und Bevollmächtigten. Besorgt wachte Mutter Deiglmayr über das Privatleben ihres alleinstehenden Sohnes mit Ratschlägen, die ihn vor der Damenwelt abhalten sollten. Brav befolgte Carl die Warnungen seiner Mutter Anette, weil er schon etliche Hofdamen mit dem Vornamen Ernette und dann Ninette kennen gelernt hatte.

Nach einigen Jahren bemerkte Ninette Deiglmayr, dass ihre Strategie mit der Erpressung durch Hilfs- und Besuchsverweigerung erfolglos blieb. Sie befahl ihrem Ehemann Josef weiterhin, seine Mutter an Weihnachten, Ostern, anderen Feiertagen oder Anlässen sowie sogar zum Geburtstag und zum Muttertag nicht zu besuchen. Unterwürfig folgte ihr Josef, bis die gebürtige Teyflfingerin ihre Vorgehensweise änderte. Ninette wollte eine Zusammenkunft der Brüder und der Mutter herbeiführen, damit ihr Ehemann wenigstens eine teilweise Mitbestimmung über das Vermögen der Mutter bekommen würde. Carl durchschaute diese Absicht und teilte dem Bruder mit, dass sich ein Treffen erübrige, wenn er die Kontaktverweigerung beenden und seine Mutter bei üblichen Anlässen besuchen würde. Josef durfte aber dieses Angebot auf Anordnung seiner Ninette nicht annehmen. Als Höhepunkt der seelischen Grausamkeiten zwang sie ihren Ehemann sogar, seiner Mutter mitzuteilen, dass er bei ihrer Beerdigungsfeier nicht am Grab stehen werde.

Dann kam der Teufel in seiner gesamten Großartigkeit zum Vorschein. Ninette Deiglmayr drehte den Spieß um und behauptete, dass der ältere Sohn Carl Schuld habe, weil er keine Versöhnung wolle. Jetzt wurde es ihrem Ehemann Josef Deiglmayr aber zu dumm. Er besuchte seine Mutter und machte den Fehler, dies anschließend seiner Ehefrau Ninette zu beichten. Das Weib bekam einen solchen Zorn über den Bruch der Unterwerfung und über das Versagen ihres Mannes, das gesamte Vermögen zu erben, dass sie ihn mit einem Küchenmesser von hinten erstach. Habgier und Enttäuschung zwangen sie zu einem Mordrausch. Das Erbe hatte seine Bedeutung verloren. Sie wollte nur noch teuflische Rache.

In der Mordnacht raste Ninette Deiglmayr mit einer Kutsche von der Mordvilla um den Starnberger See zur Heil- und Kuranstalt. Und jetzt sind die Quellen und Überlieferungen etwas ungenau, meinte Django. Damals bestand der Verdacht, dass die Gattenmörderin ihre Schwiegermutter wegen Unbeugsamkeit, Großzügigkeit und Verschwendungssucht ebenfalls ermorden wollte. Am nächsten Vormittag jedenfalls wurde die Teyflfingerin als Wasserleiche aus dem Starnberger See gezogen. Man munkelte, dass der Leibarzt von Anette Deiglmayr in dieser Nacht ebenfalls am See war. Die Umstände des Todes von Ninette Deiglmayr gehörten zu den historischen Kriminalfällen in Bayern, die nie aufgeklärt wurden. Wahrscheinlich hatten die Preußen die Hand im Spiel.

Anette und Carl Deiglmayr betrauerten den verlorenen Sohn und Bruder Josef am Familiengrab im Alten Südlichen Friedhof München. Die Mörderin, Ninette Deiglmayr, geborene Teyflfinger wurde anonym vergraben. Carl blieb nichts anderes übrig, als das gesamte Vermögen zu erben. Der Königliche Hofrat Carl Deiglmayr überschrieb die Hälfte seines erarbeiteten und ererbten Vermögens an die Katholische Stadtpfarrei St. Peter. In seinem Testament verfügte er, dass die Seitenaltäre für den heiligen Josef und die heilige Munditia mit seinen Mitteln zu erhalten, pflegen und schmücken sind. Josef war der Namenspatron seines Bruders, Munditia die Patronin der alleinstehenden Frauen. Und die Vorfahren von Django waren die Erben der zweiten Hälfte des deiglmayrschen Vermögens.

Django wurde bei dieser Erzählung so durstig, dass er freiwillig zum Bierholen ging und noch dazu die Runde ausgab. Wir tranken auf die Deiglmayrs, die Vorfahren und prosteten dem Schild am Aujägermeisterhaus mit dem Hinweis auf den Hofmaurermeister Deiglmayr und das 200jährige Alter der Geschichte zu. Ich beglückwünschte Django zu dieser spannenden, aber denkwürdigen und grausigen Geschichte. Fast meinte ich, Ähnlichkeiten zum Tod von König Ludwig II. entdeckt zu haben. Django wies dies empört zurück und nahm für sich die Kunst der freien Erfindung und der gnadenlosen Übertreibung in Anspruch.

Nach dem Biergartenbesuch schrieb ich die Geschichte nieder und sandte sie an die Firmenleitung von Gloriafilm. Ich versicherte, dass die Handlungen nichts mit tatsächlichen Begebenheiten und Orten zu tun haben, sondern nur der Phantasie entsprungen sind und die Freiheit der Satire in Anspruch nehmen. Die Rechtsabteilung von Gloriafilm gratulierte mir zur gelungenen Geschichte und stellte fest, dass keine Behauptungen von falschen Tatsachen, Beleidigungen, Verleumdungen oder üblen Nachreden beinhaltet sind. Außerdem ist das Verhalten oder Fehlverhalten von Personen in Geschichte und Gegenwart nicht beleg- oder widerlegbar. Verletzungen von Persönlichkeits- oder Datenschutzrechten sind somit ausgeschlossen. Das grandiose Ende mit der Parallele zum Königstod ist historisch früher, zufällig vergleichbar und verstößt somit nicht gegen das Urheberrecht. Die Firma machte mir ein großzügiges Angebot für die Verfilmungsrechte. Vielleicht sollte ich Django beim nächsten Mal am Aumeister auch eine Halbe Bier ausgeben?

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Hl. Josef und Hl. Munditia mit Blumenschmuck in der Pfarrkirche Sankt Peter der Königlichen Haupt- und Residenzstadt München sowie Heil- und Kuranstalt der Anette Deiglmayr Stiftung am Starnberger See, der damals Würmsee hieß

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