Biergarten am Chinaturm – Supermarkt und Preißngarten

Der meiner Münchner Wohnung am nächsten gelegene Biergarten befindet sich beim Chinesischen Turm im Englischen Garten. Ich wohne seit 1975 in der Nachbarschaft und erinnere mich an viele angenehme Biergartenbesuche. 2004 bezog ich sogar eine Dachkammer mit Blick auf die nur 400 Meter Luftlinie entfernte Turmspitze. Danach kam es wegen neuer Orientierungen und Verpflichtungen zu weniger Besuchen. 2011 begann ich mein Internetangebot Tivolifoto München. Mit 70 Fotos aus den Jahren 1998 bis 2006 entstanden Beitrag und Fotobuch „Der Turm“. Wer Tivolifoto kennt, kann meine späteren Wege und Ziele leicht nachvollziehen: Umland-Radtouren, Aumeister, Hirschau, Viktualienmarkt, Weisses Bräuhaus, Hofbräuhaus.

Der Frühling 2018 bescherte einen vorgezogenen Sommer mit so vielen Biergartentagen, dass ich glaubte, etwas zu versäumen, wenn ich nicht wie sämtliche Münchner und alle München-Touristen in den Biergarten gehe. Somit lies ich mich wieder zu einigen Nachmittagen im Biergarten am Chinesischen Turm hinreißen. Eindrücke in Münchner Wirtshäusern und Biergärten halte ich gerne vor Ort in einem Notizbuch fest. Bei meinen derzeit neuen Besuchen am Chinaturm schrieb ich spontan von einem Chinesischen Ballermann. Diese Bezeichnung war jedoch nur eine Übertreibung aus Gaudi, weil sich die Verhältnisse zu bestimmten Tageszeiten und Wochentagen unterschieden hatten. Ich erlebte also durchaus angenehme Stunden und bekam positive Eindrücke, z. B. bei Naturwahrnehmung, Musikhören, Ordnung und Sauberkeit. Mit Gästen war meine Erfahrung gemischt und vergleichbar zu anderen Tourismuspunkten in München. Besonders auffällig, störend und ärgerlich sind deutsche Junggesellenabschiede, internationale Sauftouristen und gröhlende Fußball-Chaos-Idioten.

Trotz solcher möglichen Widrigkeiten zwang mich die Hitze zur Aushäusigkeit in den Biergarten. Und wohin sollte ich denn bitteschön gehen, wenn das Gute doch so nah ist. Zudem habe ich wie so viele Menschen einen geheimen Wunsch oder besser gesagt eine unerfüllte Sehnsucht – das Grillhendl. Außerhalb der Bierzelt- und Biergartensaison muss ich ja darauf verzichten, weil diese Spezialität in der Münchner Innenstadt fast ausgestorben ist. Gelegentlich bekommt man vorgefrostete, aufgewärmte oder aufgewellte Hendlteile, ein richtiger Hendlgrill macht aber scheinbar zuviel Arbeit und Geruch. Vor 20 Jahren hatte ich die Griller am Turm noch gekannt. Sie hatten mir einfach den Zeitpunkt der Abnahme des nächsten Hendlspießes mitgeteilt. So war meine Sucht entstanden. Heute bin ich schon mit leicht angetrockneter Haut und warmem Fleisch zufrieden. Fairerweise muss ich zugeben, das Glück eines 2018er Spitzenhendls direkt vom Grill schon gehabt zu haben. Der Grillmensch meinte zwar, dass die Orangenhaut-Hendl unter der Wärmelampe genauso frisch seien, gab mir aber doch die dampfende Spezialität.

Nichtvegetarier, denen jetzt das Wasser im Mund zusammengelaufen ist, werden mich verstehen. Vegetarier können sich im Turm-Biergarten an einem barackenähnlichen Standl mit Salatbar selbst bedienen. Dort gibt es auch Hendl-Gyros für alle, die mit einem guten Grillhendl nicht mehr zufrieden sind. Daneben befindet sich ein Pfuideifi-Standl, das den Biergarten für Kaffee, Kuchen sowie andere biergartentypische Süßspeisen und Getränke missbraucht. Am Hauptstand entdeckt man warmgehalten Fleischiges und Wurstiges sowie vorgefertigt portionierte Teller mit kalten Speisen. Warum zwanzig verschiedene Feinkostsalate angeboten werden, erschließt sich dem bayerischen Biergartengast nicht gänzlich. Er wäre ja schon mit dem heimatlich typischen Oktopussalat zufrieden. Richtiger Salat braucht ein Dressing und Würste oder Spareribs eine Curry-Ketchup-Beigabe. Der gute alte Schöpflöffel hat aber ausgedient und wird durch vorportionierte, stapelbare Kunststoffbehälter mit Deckel ersetzt. Der Schöpflöffel würde ja eine flexible Arbeitskraft benötigen, die Plastikverpackung ist hingegen wie eine rationelle Fließbandarbeit. Der preisbewusste Kunde will sich doch selbst vom Regal bedienen.

Ein Biergarten entwickelt sich endgültig zur Umweltsau durch den Verkauf von Getränken in Plastikflaschen mit Selbstentnahme aus einem Kühlschrank. Man muss sich diese Ungeheuerlichkeit vorstellen: Ein Gastronomiebetrieb mit Glaswaschanlage verkauft und erzeugt Plastikmüll. Im Supermarktbiergarten darf natürlich eine schreiend rote und in Deutschland bekannte Kühltruhe mit Industrieeiscreme nicht fehlen. Leider verzichtet man auf den Verkauf von Plastikspielzeug und supermarktüblichen Süßigkeiten für Kinder in deren Augenhöhe. Immerhin sind sämtliche Angebote der Standl mit zusätzlicher englischer Sprache versehen, damit der gemeine Tourist kein Wort in der Landessprache lernen muss. Ohnehin werden alle Touristen denken, dass es in einem bayerischen Biergarten überall so schön ist wie am Chinaturm, wo es viele Artgenossen gibt, die verarscht werden wollen.

Die ärmste Sau im Gesamtangebot ist aber der sogenannte Leberkaswürfel. Die kleine Würfelform entstand als Weiterentwicklung der großen Stangenform, damit sich das handwerkliche Abschneiden einer wohlriechenden und geschmackvollen Scheibe erübrigt. Der einmal erwärmte Würfel kann warmgehalten, gestapelt und ganztägig angeboten werden. Irgendwie schmeckt er dann schon nach Leberkäse, vielleicht sogar noch am nächsten Tag. Und wem das nicht passt, der soll halt das Aroma einer frisch abgeschnittenen Scheibe mit einer Senforgie über die Würfelhälften ersetzen. Dasselbe gilt für ganztägig ersäufte oder verbrannt warmgehaltene Würste. Vertrocknete Schweinshaxn muss man mit Sauce aufweichen, damit sie mit gewöhnlichen Messern überhaupt zerkleinert werden können.

Man kann doch nicht alles wie vor vierzig Jahren machen. Das würde jeder Wirtschaftlichkeit widersprechen. Damals konnte man noch Brotzeitteile, z. B. Würste, Käse, Tomaten oder Eier, stückweise kaufen und daraus Brotzeitteller für kleine Tischrunden gestalten. Man teilte seine Wünsche dem Thekenpersonal mit und bekam einen individuellen Teller. Heute werden vorportionierte Teller angeboten, die selbst aus den gekühlten Regalen zu entnehmen sind. Geruch und Geschmack von frisch geschnittenen Wust-, Käse- oder Gemüsestücken interessieren nicht mehr. Früher war es möglich, einfach zu Grilltheke, Speiseauslagen und Schänke hinzugehen, inzwischen muss man durch eines der fünf Drehkreuze in einen gepflasterten Innenhof. Dieser grenzt sich vom Biergarten durch Zäune und vorgelagerte Standl mit mehreren Kassen ab. Bemerkenswert ist, dass die Standl als Fenster getarnte Schießscharten haben. Das ist aber nur für Notfälle, wenn wirklich zahlungsunwillige Chinaturmgäste, meist aus dem ehemaligen Königreich Preußen, die Sperren durchbrechen würden. Wie es insgesamt mit Videoüberwachung und Selbstschussanlagen am Supermarktturm funktioniert, konnte ich noch nicht genau erforschen. Jedenfalls passen die Schießschartenhäuschen im Sinne des Ensemble-Denkmalschutzes hervorragend zu den umliegenden Bauten. Pächterfirma und Parkverwaltung können sich in einvernehmlicher Komplizenschaft den Schwarzen Peter zuschieben.

Niemand trägt Verantwortung oder Schuld. Der Supermarkt war die zwingende Folge zur gastronomischen Bewältigung der steigenden Gästezahl. Touristen am Chinaturm hat es schon immer gegeben. Sie sind somit der Normalfall und nicht bemerkenswert, außer sie entwickeln sich für Einheimische zu störenden Elementen. Da sucht man sich einen einzelnen, je nach Jahreszeit sonnigen oder schattigen Platz, ist zufrieden und bekommt urplötzlich einen deutschen Kegelclub als Nachbarn. Die Vereinsmeier meinen, dass zur bayerischen Gemütlichkeit im Münchner Biergarten eine gewisse Lautstärke gehöre. Beschwerden machen keinen Sinn. Sofortige Flucht ist die einzige Lösung. Diese sollte aber nur erfolgen, nachdem man die neuen Nachbarn als Saupreißn beschimpft hatte. Die wollen und brauchen das, damit ihr Welt- und Bayernbild bestätigt wird. Sonst würden sie nicht wiederkommen. Und das machen sie ja reichlich. Die Beschimpfung von strammen sächsischen Burschenrunden oder sonstigen ostdeutschen Herrenmenschen sollte man sich jedoch vorher gründlich überlegen.

Gelegentlich wurde die Spezies des Saupreißn auch schon beim Personal gesichtet. Bitte ich doch einen Kassenmenschen, mir die Maß ohne Pfandmarke zu geben. Fragt er mich, mit welcher Begründung ich das wolle. Er meint, mich als Stammgast nicht zu kennen und berechnet mir Pfand. Ich bezahle, verzichte auf die Marke und bestrafe ihn mit seiner eigenen Dummheit, weil er mir unterstellt, ihn zu belügen. Vorgänge um das Pfand sind mir bekannt. Ich habe schon immer Schankkellnern, Kassiererinnen und Abräumern Trinkgeld gegeben. Wenn mich jemand verdächtigt, kein Stammgast zu sein, dann ist er nicht nur wegen seiner Aussprache, sondern auch mindestens insgesamt ein Saupreiß. Die geschwätzige, beschränkte Nordlicht-Funzel kann schon bezweifeln, dass ich kein Stammgast wäre. Dafür darf er dann auch deppert sterben oder in der Haberl-Gastronomie wegen seines wirtschaftlich erfolgreichen Supermarktdenkens eine große Karriere machen. Beim nächsten Besuch fragt mich ein anderer Kassierer nach einem Stammgastausweis. Ich verneine, er berechnet aber kein Pfand, und ich gebe ihm Trinkgeld in Pfandhöhe. Nach dem Austrinken stelle ich meinen leeren Maßkrug auf den Wagen des Abräumers. Diesem hatte ich vorher ebenfalls Trinkgeld für das Wegtragen des Hendltellers gegeben. Viele Biergartenbesucher sind jedoch so stark zum Selbstbedienungs-, Supermarkt- und Kantinendenken erzogen worden, dass sie Speisetablette zwanghaft zu Rückgabestationen tragen und Speisereste mit Obrigkeitswahn in Mülleimer leeren.

Das Pfandsystem wurde ursprünglich mit der Begründung eingeführt, dass Gäste leere Maßkrüge nicht in den nahen Wiesen liegen lassen und die Mähwerke der Parkverwaltung keine Scherben erzeugen und nicht beschädigt werden. Man stellte also 7000 Biergartengäste unter Generalverdacht, Maßkrüge zu verziehen. Bei dem vielen Müll, den Parkbesucher heutzutage hinterlassen und der ohnehin eingesammelt werden muss, spielt das aber keine Rolle mehr. Außerdem tragen echte Ballermänner einen Maßkrug für einen Euro nicht zurück. Die Betreiberfirma kann sich jedoch mit dem Pfand Personalkosten sparen und hat zusätzliche Einnahmen wegen Bequemlichkeit, Vergessens oder fluchtartigen Aufbruchs bei plötzlichem Unwetter. Wer seinen Krug nicht ganz austrinken kann oder will, muss den Rest zurücktragen. Wespen freuen sich, noch nicht zurückgetragene Limonadengläser zu umschwirren. Kurioserweise war das Personal bei meinen Besuchen nur wenig ausgelastet und hätte, wie in anderen Biergärten, genügend Zeit und Vermögen zum Abräumen gehabt. Stattdessen verweist ein völlig übertriebenes Schildermeer im gesamten Biergarten auf die Wegrichtungen zur Pfandrückgabe. Mit Gläsern volle Abräumwagen zeigen aber, dass Touristen das Pfand nicht verstehen oder das Zurücktragen nicht wollen. Höchstmögliche Lächerlichkeit steht der verantwortlichen Haberl-Gastronomie zu, wenn man bedenkt, dass es früher zu Schlangen an der Biergartenschenke gekommen war, heute aber bei der Pfandrückgabe. Pflichtbewusste Preußen, zu denen viele Neu-Münchner gehören, halten das Pfandsystem für gottgegeben und freuen sich, diesem Obrigkeits- und Ordnungsanspruch korrekt dienen zu können.

Überhaupt hat man es im Biergarten am Chinesischen Turm mit dem Zeitgeist zu tun. Betreten von Grünanlagen im Englischen Garten war in den 1960er Jahren noch mit Parkwächtern verboten gewesen. In Wirtshäusern mit Gartenbetrieb sind Speisen und Getränke im Freien serviert worden. Anfang der 1970er Jahre kam es zur Belebung des Biergartens, welcher eigentlich den Bierkellern der Brauereien an den Isarhochufern vorbehalten war. Dort gab es die natürliche Kühlung mit Kastanienbepflanzung über den Bierkellern. Der Biergarten am Chinesischen Turm mit Selbstbedienung und den heutigen Ausmaßen ist ein Kind des Tourismus – ebenso wie der beim 200jährigen Jubiläum des Englischen Gartens im Jahr 1989 wieder belebte Kocherlball. Dieser entwickelte sich mit Taschenkontrollen, Reservierungen und Überfüllung zu einem großen Münchner Tourismusunsinn. Beim Kocherlball und Oktoberfest lässt sich erkennen, was in Zukunft bevorstehen kann: Umzäunung des Biergartens, Taschenkontrollen, Rucksackverbot, Ausbau der Videoüberwachung und Verpflichtung von Sicherheitsdiensten.

In der Vergangenheit gab es zahlreiche Veranstaltungen am Chinaturm, die sich für den heutigen wirtschaftlichen Erfolg scheinbar erübrigen. Biergartenbesucher und internationale Touristen kommen in dieser zentrumsnahen Lage offensichtlich von selbst. Andere Biergärten hatten ein abwechslungsreiches Veranstaltungsangebot beibehalten. Am Turm setzten die Gastronomie-Erbin und ihre Geschäftsführer auf den touristischen Selbstläufer. Die Restaurantterrasse wurde zugunsten der Selbstbedienung und Supermarktangebote aufgegeben. Teilweise brauchte oder wollte man keine Schatten spendenden Bäume mehr und stellte mit Werbung bespannte Sonnenschirme auf. Diese lassen sich bei Bedarf einfach auf- oder abzubauen und stören weniger als lästige Bäume. Vermutlich wurden gefällte Bäume nicht durch Neuanpflanzungen ersetzt, weil sie nicht der Wirtschaftlichkeit entsprochen hatten. Die Notwendigkeit mancher Baumfällungen war ohnehin fragwürdig.

Verbliebene, schattige Plätze unter natürlichem Grün, mit Blick auf den Chinesischen Turm sind begehrt. Die Attraktivität wird noch gesteigert, wenn man sich auf einen Stuhl an einem Tisch setzen kann. Der Plattensee mit Bänken und Tischen sowie im Leerzustand mit der Gedankenverknüpfung an einen Soldatenfriedhof hatte aber ständig zugenommen, weil er im Sinne des Supermarktdenkens weniger arbeitsintensiv als Stühle und Tische war. An einem Blasmusikmittwoch sah ich am Rand eines von mir bevorzugten Tisches ein kleines gefaltetes und gerolltes Handtuch liegen. Ich grüßte die Nachbarn am zusammengestellten Nebentisch und fragte, ob hier frei wäre. Sie bejahten, und ich setzte mich in der Annahme, dass ein vergessenes Handtuch sicher bald abgeholt werden würde. Meine Hendl-Mahlzeit war ein Genuss, als sich plötzlich ein Preuße mit Strohhut vor mit aufbaute und behauptete, dass hier reserviert wäre. Mit vollem Mund und eindeutiger Geste bot ich ihm die verbliebenen vier Plätze an. Er sah den Unsinn seiner Reservierung ein und verzog sich mit der Handtuchrolle lieber an einen anderen Tisch. Ich aß mein Hendl auf und erklärte den Nachbarn, dass er ihnen sein Wiederkommen oder den Platzanspruch nur hätte mitteilen müssen. Die Sprechfreude der Preußen sei ja bekannt. Außerdem seien wir hier nicht am Ballermann, wo man mit einem Handtuch einen Platz reservieren könne. Die humorlosen Nachbarn waren aber wohl ebenfalls aus nördlichen Gefilden und gingen bald ohne Gruß. Liebe Preußen, in Bayern grüßt man, fragt und setzt sich dazu. Zuhause könnt ihr euch dann wieder einzeln in die eigenen Ecken verziehen!

Einzelfälle darf man natürlich nur bedingt oder gar nicht verallgemeinern. Mein Erkenntnisstand am Chinaturm 2018 betrifft nur einige Besuche, aber Erfahrungen aus vier Jahrzehnten. Früher konnte ich kaum an den Turm gehen ohne die Verpflichtung, mich bei Bekannten dazuzusetzen. War ich der Erste aus dem Bekanntenkreis gewesen, bekam ich bald mir mehr oder weniger angenehme Dazusetzer. Heute sehe ich immer noch Bekannte, sitze jedoch auch gerne alleine, schaue, fotografiere und schreibe in mein Notizbuch. Dabei zeigt sich mir die Einsamkeit vieler Menschen, die sich trotz Begleitung lieber mit ihren Handys beschäftigen. Außerdem beobachte ich verstärkt Armut, wenn sich Personen Essensreste aus den Abfällen holen, nicht ausgetrunkene Gläser zusammenschütten oder vom Abräumwagen nehmen. Noagalsäufer hatte es schon immer am Turm gegeben, eine neue Armut war bei meinen Besuchen nicht zu übersehen. Hungern muss niemand, Brotzeit kann man ja selbst mitbringen. Dies entspricht ohnehin der Biergartentradition und empfiehlt sich schon deshalb, weil man vom Supermarkt-Speisen-Angebot nicht allzu viel erwarten darf.

Bei einem einzelnen Besuch hätte ich, wie viele Kurztouristen, manches nicht wahrgenommen. Bei meinen mehrfachen Aufenthalten 2018 erlebte ich am Turm ein Angebot mit den genannten Problemen und mit dem verbliebenen Vorzug der musikalischen Unterhaltung an vier Tagen pro Woche. Das Hofbräubier ist für mich so wie im Hofbräuhaus ein Genuss. Ärgerlich sind hingegen Schankkellner, welche vorzapfen, dann draufschenken oder Schaum darüber tritscheln. Verantwortliche bräuchten sich diese Sauerei nicht einmal direkt anschauen, weil an der Schenke ein Schild auf die Videoüberwachung hinweist. Die Vorzapf-Tritschl-Maß vom Chinaturm ist somit als Objekt geschützt. Dieser Verstoß gegen die bayerische Bierkultur, wahrscheinlich ausgeführt von Arbeitern mit Migrationshintergrund, wird von der Betreiberfirma so wie viele andere Missstände nicht erkannt und abgestellt.

Gastronomiepacht sollte nach meiner Wahrnehmung und Meinung bei städtischem und staatlichem Eigentum im Blick auf die künftige Qualitätssteigerung nicht an Erben vergeben werden. Chinaturm, Viktualienmarkt und Hofbräuhaus entwickeln sich in der Nachfolgepacht gut für die Geldbeutel der Betreiber und für die unkritische Masse der Kurztouristen, aber negativ für Münchner Gäste. Haberl, Hochreiter und Sperger waren Wirte-Persönlichkeiten mit Herz und Engagement sowie einer Aufbauleistung zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Nachfolger funktionieren, verwalten, investieren, rationalisieren und delegieren. In ihren Betrieben sieht man sie nur selten. Bei Anwesenheit verhalten sie sich wie  Gäste und nicht wie Gastgeber. Sie sind keine Münchner Wirte mehr, sondern Betriebswirte. Bei deren Beliebigkeit ist es eine normale Entwicklung, dass Ansätze zur Systemgastronomie und eine Ausweitung zur Kettenbildung erkennbar werden. Bislang konnte noch keine etablierte Kette einsteigen, städtische und staatliche Stellen würden sich aber bestimmt über neue und andere Aufmerksamkeiten freuen. Das hat doch in der Vergangenheit gut funktioniert. Ein erfolgreiches Unternehmen muss doch wachsen und braucht wie die Haberl-Gastronomie mindestens sechs Münchner Biergärten und Restaurants sowie ein Oktoberfestzelt. Der Viktualienmarktbiergarten braucht zusätzlich ein Restaurant und drei kleine Wiesnzelte, obwohl er vom, meiner Erfahrung und Meinung nach, minderwertigen Imbissangebot und vom betrügerischen Einschenken leben könnte. Die Hofbräuhauspächter brauchen zwei Wirtshäuser in Obermenzing und Bad Tölz, eine selbstverständlich gesetzmäßige, aber fragwürdige Leihfirma fürs Personal sowie ein Lebensmittelzentrum für mehrere Wirtshausküchen in Brunnthal. Dort werden Fleisch-, Wurst- und Backwaren sowie Gemüse- und Salatbeilagen im Sinne von Conveniencefood vorgefertigt, z. B. vorgegrillte Schweinshaxn und Hendl, konservierte Beilagen und Teiglinge. In der Hofbräuhausküche wird offensichtlich nur mehr aufgewärmt und dekoriert. Und der gemeine Wirtshausgast braucht einige politische Märchenonkel, die Richtigkeit und Notwenigkeit dieses Wachstums überzeugend vermitteln und tatkräftig unterstützen, damit die Pacht in denselben Händen bleibt.

Gastronomische Großbetriebe werden Supermärkte mit dem Ziel der Gewinnsteigerung und dem Ergebnis des Qualitätsverlusts. Der Betrieb einer einzigen Einrichtung und ein gerechter Wettbewerb um die Vergabe würden qualitätsorientierte Angebote stärken. Die bisherige Betreiberfirma am Chinaturm könnte ja von einem Betrieb und vom Wiesnzelt leben und müsste dann vermutlich nicht an mehreren Stellen mit Schmiergeldern oder anderen Zuwendungen arbeiten. Außerdem berichtet mir mein persönliches Umfeld von Meinungsäußerungen, welche die Gastronomieerbin für uninteressiert und überfordert halten. Ihren Vater hatte ich als geselligen und großzügigen Wirt erlebt, der sich häufig zu Stammgästen dazusetzte und diese mit Freibier versorgte. Heute wünsche ich mir einen Pächter, Gastgeber und Wirt, der bekannt, anwesend und ansprechbar ist. Er oder sie sollte nur einen Betrieb leiten, der Qualität und Gastfreundschaft garantiert. So wie der Biergarten am Chinaturm kein Supermarkt bleiben darf, soll die Gaststätte Chinesischer Turm kein gehobenes Allerwelts-Restaurant für Events und Touristengruppen sein, sondern ein Münchner Wirtshaus für Einheimische und Gäste, das ganzjährig und bei jedem Wetter Spaziergänger im Englischen Garten versorgt.

Zur bayerischen Gastlichkeit gehören die Frische der Produkte sowie das Bedient-Werden mit Servieren und Abräumen. Entsprechendes Personal abzuschaffen, Speisen vorzufertigen, warmzuhalten und dieselben Preise wie in einem Betrieb mit frischer Zubereitung und Bedienung zu verlangen, ist nach meiner Meinung Betrug. Das erlebte Supermarktgeschäft am Turm widerspricht bayerischer Gastfreundlichkeit und heimatlichem Genuss. Förderlich hingegen ist die Blasmusik. Höre ich jedoch Partymusik oder beispielsweise einen Titel wie Hinter den Kulissen von Paris mitten in einem Münchner Biergarten, dann erschließt sich mir der Sinn nicht ganz. Die Liste der von mir am Turm erlebten original bayerischen Musiktitel lässt sich schön mit dem italienischen Schusterlied, den blauen spanischen Augen und dem argentinischen Schreiverbot erweitern. Ich erinnere mich, in der Dachkammer bei geschlossenem Fenster auch schon Berliner Luft und Preußens Gloria vom Chinaturm gehört zu haben. Schlimmer als der Piefke-Marsch und Schlagerschmarrn ist hingegen das tatsächlich erlebte Gegröle von preußischen Burschenhorden trotz Blasmusik. Wenn dann noch das Lebensmittel Bier aus Übermut verschüttet wird, bin ich für sofortige Abschiebung. Wofür sind wir Bayern denn Eigentümer des Englischen Gartens mit den Anlagen und Gebäuden am Chinesischen Turm? Wozu haben wir denn eine eigene, uns dienende bayerische Staatsgewalt, wenn man keine gestörten und besoffenen Preußenhorden zurückweisen oder abschieben darf?

Mit diesen Worten und Fragen hatte ich spontanem Unmut oder Ärger wenigstens im Notizbuch festgehalten. Jetzt ist die Verstimmung schon längst vorbei. Weil die Ursachen aber bleiben, sah ich mich danach veranlasst, diesen Beitrag zu formulieren. Meine Erinnerung enthält viele angenehme Biergartenbesuche am Chinesischen Turm, heute erlebe ich einen Supermarkt und Preißngarten. Das Argument, am Chinaturm sei es nicht anders als in anderen Biergärten, lasse ich nicht gelten. Anderswo gibt es private Eigentümer oder Pächter von privatem Besitz. Die Pacht von Staatseigentum in historisch, landschaftlich und touristisch besonderer Lage verpflichtet zu einem qualitativ hochstehenden Angebot. Jetzt könnte mir jemand den Rat geben, wenn mir die gegenwärtigen Turmbesuche nicht gefallen hätten, dann müsste ich ja nicht mehr hingehen. Andererseits habe ich als Nachbar, Münchner und Bayer das Recht, in einem Gastronomiebetrieb, der vom Freistaat Bayern seit fast einem halben Jahrhundert an dieselbe Firma verpachtet wird, heimatliche und gefällige Angebote zu bekommen. Touristen wollen das doch auch, wissen aber meist nicht, wie es geht.

Freundliche Einladung zu Kommentaren und Grüßen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s