Des war koa Leberkas!

Gaudi: Damische Ritter demonstrieren gegen den Leberkas vomDonisl 2019
Gaudi: Damische Ritter demonstrieren gegen den Leberkas im Donisl 2019

Missverständnisse

Nach dem großen Erfolg meiner Tivoligeschichte mit dem Titel Des is Leberkas! muss ich dieses Mal leider das Gegenteil formulieren:

Des war koa Leberkas!

Um Missverständnissen vorzubeugen, weise ich vorweg darauf hin, dass bei dem Wort war im Titel nicht der bairische Konjunktiv, sondern das Imperfekt gemeint ist – also nicht wie bei der freien Wohnung von Karl Valentin: Hier war eine Wohnung frei. Richtig: Hier wäre eine Wohnung frei. Mit dem Plusquamperfekt wird der Sachverhalt deutlicher:

Des war koa leberkas gewesen!

Freie Wohnungen sind in München bekanntlich zur Mangelware, Speisen und Getränke sind in der Innenstadtgastronomie zum Luxusgut geworden. Inwieweit diese Verneinung auf die Wirtshäuser im Zentrum zutrifft, versuchte ich 2019 mit einem Besuch des damaligen Donisls von den Rubenbauer Gaststätten zu klären.

Die Rubenbauer Genusswelten sind eines der größten Verkehrsgastronomie-Unternehmen Deutschlands. Die Brauerei Hacker-Pschorr legte das Schicksal des zweitältesten Wirtshauses 2015 in München in die Hände dieser Systemgastronomen. Offensichtlich war das auch ein Missverständnis, wie sich 2020 herausstellte.

Damische Ritter

2019 war erwartbar, dass ich mich am Sonntag des Faschingzugs der Damischen Ritter auf den Weg machte, um Narren zu fotografieren. Nicht vorhersehbar war meine Entscheidung, für eine einfache Brotzeit in ein Wirtshaus einzukehren. Narren hatte ich dort auch gefunden, aber nicht da, wo ich sie zuerst gesucht hatte.

Übrigens stammten die großartigen Modelle vom Modellbau Willy Flämig. Vermutlich besteht ein Zusammenhang zum Verein D’Schwanecker Rittersleit e. V. in Pullach im Isartal.

Weitere Fotos von der Zugaufstellung wurden mir verleidet, weil die Festwagen einen ohrenbetäubenden Lärm von sich gaben. Zudem wollte ich wegen der Kälte nicht auf den Zugbeginn warten.

In-der-Kälte-Warten auf den Faschingszug der Damischen Ritter 2019

Donisl-Bestellung

Ich beschloss, im Donisl zur Stärkung für weitere fotografische Großtaten eine kurze Leberkas-Brotzeit zu machen. Meine Bestellung war:

„A Scheim Leberkas, a Brezn und a Hoibe Bier, bittschen!“

Ich musste meine Bitte auf Hochdeutsch wiederholen, weil der arabisch aussehende Kellner mich nicht gleich verstanden hatte. Sicherheitshalber wies ich ihn noch darauf hin, nur Leberkäse zu wollen.

Donisl-Lieferung

Zuerst wurde das Bier und eine blasse Brezn in einer Holzschale serviert. Bald kam der Teller mit der Brühwurst, wobei die Scheibe quer in zwei Hälften geschnitten war, vermutlich um auf dem Teller verteilt einen größeren Eindruck zu hinterlassen und schneller zu erkalten. Zwischen den Wurstdreiecken lag ein Petersilienzweig.

Weiter befanden sich auf dem Teller zwei kleine Waffelformen, gefüllt mit süßem Senf. Eigentlich wäre mir der in Altbayern zum Leberkäse übliche mittelscharfe Senf lieber gewesen. In München wird mittlerweile beides gleichzeitig angeboten.

Ich wollte den Donisl-Kellner mit arabischem Migrationshintergrund aber nicht durch einen Sonderwunsch verwirren und nach dem Besteck greifen. Dieses befand sich jedoch zwei Meter von mir entfernt mitten auf dem langen Tisch in einem Blechbehälter. Bevor ich aufstand, um Messer, Gabel und Serviette zu holen, entfuhr es mir verärgert:

„Muas i iaz aufsteh!“

Das hörte der rasch davoneilende Nachfahre der Wüstensöhne und wusste diesmal genau, was mir fehlte. Er kehrte um und stellte mir wortlos die Besteckkiste in Griffweite. Ich musste mir selbst einen guten Appetit wünschen und begann, die einfache Mahlzeit zu verzehren.

Der Leberkäse war frisch abgeschnitten, lauwarm und schmeckte sogar ein wenig, wie er sollte. Ich aß einige Stücke ohne Senf. Diese waren aber fad und wässrig. Also musste ich das fehlende Aroma mit der Süße des Senfs ersetzen, was einfach und reichlich möglich war.

Meine Erwartung war kein Spitzengeschmack wie im Franziskaner. Dort esse ich nämlich den Leberkäse wegen des hervorragenden Aromas immer ohne Senf. Zwischendurch verspeiste ich Teile des blassen Teiglings, der die Form einer Brezn hatte, und ebenfalls weitgehend geschmacklos war.

Einige Schlucke Bier aus dem mittlerweile in München wieder mehr angebotenen Holzfass sagten mir deutlich mehr zu als das gewöhnliche Industriebier von Hacker-Pschorr.

Während die Gastronomiefachkraft wortlos den Teller und die Schale abräumte, bat ich um die Rechnung. Dabei kam mir in den Sinn, kein Trinkgeld zu geben, weil für die Mahlzeit keinen Wunsch zum Appetit und beim Abräumen keine Frage zum Wohlgeschmack geäußert worden war.

Donisl-Rechnung

Dann kam der ebenfalls wortlose Rechnungszettel in einem bedruckten Kartonumschlag. Erstaunt las ich den Betrag von 19,50 €. Da entfuhr es mir:

„Des ko oba ned sa,
i hob doch blos an Leberkas,
a Brezn und a Hoibe Bier bschteit!“

Auf der Rechnung las ich: „1 Leberkäs mit Kartoffelsalat 12.80“. Auf meinen Hinweis zur nicht bestellten und nicht erhaltenen Beilage erwiderte der jetzt nicht mehr stumme Bedienstete, dass er mit seiner Chefin sprechen müsse.

Nach ein paar Minuten kam er mit einer neuen Rechnung über 18,00 € zurück und bemerkte, dass ich 1,50 € für die Brezn nicht bezahlen müsse.

Jetzt hat es mir auch die Sprache verschlagen. Ich gab ihm den Betrag und verließ grußlos diese sogenannte Gaststätte, welche sich auf der Rechnung und im Internet als „Euer Wirtshaus am Marienplatz“ bezeichnete.

Unser Wirtshaus für Münchner und Bayern war der Donisl nach meiner Wahrnehmung nicht. Wenn es Touristen dort gefällt und sie die Preise bezahlen wollen, dann sind sie gut aufgeräumt.

Rechnung im Donisl am 24. Februar 2019 anlässlich des Faschingszugs der Damischen Ritter
Rechnung im Donisl am 24. Februar 2019 anlässlich des Faschingszugs der Damischen Ritter

Bewertung

In der Zwischenzeit hatten die Narren des Faschingszugs den Marienplatz für mein Fotovorhaben nicht erreicht. Ich fragte mich:

  • Waren Narren im Donisl am Werk gewesen?
  • Hat mein Erlebnis schon zum Münchner Fasching gehört?
  • Sind die Betreiber bei der Preisgestaltung damisch geworden?

Mir war die Lust, den Faschingszug zu fotografieren, vergangen. Ich ging ins Weiße Bräuhaus und berichtete dem Sonntagsstammtisch meine Erlebnisse. Sie verstanden meinen Unmut und bedauerten mich, weil ich in eine bekannte Münchner Touristenfalle getappt war.

Ich bestätigte ihre Bewertung, Im Donisl hatte ich nämlich keine Verkleideten, sondern nur Touristen gesehen. Für diese Zielgruppe waren die Preise wohl gedacht. Dort kostete die Halbe Holzfassbier 5,20 €, im Augustiner am Platzl gab es sie dagegen schon für 3,85 €.

Eine Rechtfertigung für den Mehraufwand bei der Herstellung und dem Ausschank von Holzfassbier war also nicht gegeben. Ausreden wie, der mangelnde Service wäre ein Einzelfall oder die hohen Preise wären Münchner Innenstadt-Niveau, durfte man ebenfalls nicht gelten lassen.

Die hier mitgeteilten Preise waren nach meiner Meinung schlicht und einfach Wucher. Wegen dieser Erfahrung empfahl ich allen Einheimischen aber ausdrücklich einen einmaligen Besuch, um sich selbst ein Bild zu machen. Eine bessere Möglichkeit der Abschreckung war natürlich, die Speisekarte des Restaurants im Internet anzuschauen.

Vergleich 2019

Verglich man in Onlinespeisekarten die Preise für eine Scheibe Leberkäse, so kostete diese beispielsweise im Schneider Bräuhaus und im Hofbräuhaus 6,40 €. Der Franziskaner verlangte für seine Spitzenqualität je nach Gewicht ab 5,00 €.

Vor diesem Hintergrund stellte sich die Frage, wo wir denn in München hinkommen, wenn Wirtshäuser anfangen, zu neppen, wuchern und spinnen? Erst hatten sie Beilagen bei klassischen Münchner Gerichten extra berechnet, dann neue Beilagen zu einfachen Speisen erfunden und deren Portionen vergrößert, damit sie die Preise treiben konnten.

Beim Donisl sind scheinbar alle Schamgrenzen gefallen. Wirte reden sich darauf hinaus, dass es andere genauso machen. Die zwei kleinen Luxus-Leberkäse-Dreiecke im Donisl, welche einmal eine Scheibe gewesen waren, hatten 11,30 € gekostet.

Wahrscheinlich hatte ich bislang Folgendes unterschätzt:

  • Material- und Herstellungsaufwand
  • Vertriebswege
  • Nutzung von Besteck und Geschirr
  • Platzversitzen
  • Heizungs- und Lichtkosten

Vermutlich konnte ich einfach die wertvollen Beigaben zur Wurst, die vielen dazugehörigen Dienstleistungen und die Lage des Donisl im Zentrum der Touristenmetropole München nicht richtig bewerten.

Bewertung 2019

Einem Gastronomiebetrieb am Marienplatz kommt eine besondere Verantwortung zu. Früher hatte sich der Donisl zu einer Räuberhöhle mit K.-o.-Tropfen für Gäste entwickelt, jetzt waren vermutlich wieder Räuber mit anderen Mitteln am Werk.

Dummerweise bin ich in die Touristenfalle getappt, obwohl mir Münchner Wirtshausbesucher schon mehrfach berichtet hatten, den neuen Donisl zu meiden. Es stellte sich die Frage, wer das Fallenstellen neben Mariensäule und Rathaus erlaubt und verantwortet.

Nachträglich überlegte ich noch, ob am Donisl-Leberkäse vielleicht ein Goldrand für Fußballmillionäre gewesen wäre. Ich kam aber zu dem Schluss, dass dieser Käse einfach kein Leberkäse war und schrieb mir diese Zeilen von der Seele mit dem Titel:

Des war koa Leberkas!

Reaktionen 2019

Nach diesem denkwürdigen Erlebnis habe ich eine E-Mail-Nachricht mit einem Hinweis auf den vorliegenden Text an AZ, TZ, Merkur, SZ, Bild, an den Donisl und an den Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur versandt. Meine Begründung für die Mitteilung war, dass die Sachverhalte von öffentlichem Interesse und aus dem Herzen von München waren. Aufrufe des Beitrags erfolgten zeitnah. Antworten oder Reaktionen blieben aber aus.

Vermutlich trauen sich Zeitungen in Vergangenheit und Gegenwart nicht, Werbekunden wie Gaststätten und Brauereien zu kritisieren oder über Missstände in diesem Bereich zu berichten. Diese Erfahrung zeigt, Zeitungsbeiträge müssen nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgen, private Onlinebeiträge können sachlich und frei sein.

Natürlich war mein Text persönlich gefärbt, aber sachlich richtig. Ich musste über mein Erleben berichten und möchte niemanden schädigen. Deshalb empfahl und empfehle ich allen Münchnern weiterhin Donisl-Besuche, um sich selbst zu informieren.

Betriebsaufgabe 2020

Mit Wohlwollen nahm ich zur Kenntnis, dass die Betreiberfirma den Donisl zum Jahresende 2020 aufgab. Als Begründung wurde das Ausbleiben von Touristen und Messegästen wegen der Coronakrise angegeben. Die Presse schrieb von einem Opfer durch Corona.

Mein Wirtshaus-Bekanntenkreis und ich waren aber der Meinung, dass es sich um ein Opfer wegen Dummheit und Habgier handelte. Der Donisl schreckte Münchner Gäste ab und setzte auf das falsche Pferd. Er war kein Wirtshaus, sondern eine Touristenfalle.

Aufgeben müssen Pächter, die sich als Marketingstrategen und Betriebswirte verstehen. Da kann mir ein Schnösel im Donisl noch so viel von Corporate Identity erzählen.

War im bairischen Konjunktiv

Vielleicht hatten sich die ehemaligen Betreiber des Donisls einen Faschingsscherz mit mir erlaubt. Und ich habe das leider nicht verstanden.

„Des war koa Leberkas!“
im Sinne von
„Das wäre kein Leberkäse!“

So viel Humor wie unserem bayerischen Volksphilosophen Karl Valentin war ihnen aber nicht zuzutrauen. 2019 beschloss ich, mich über meine Erlebnisse nicht aufzuregen. Natürlich ist es schon ärgerlich, wenn man sich nicht aufregen kann. Erfreulich wird es aber, wenn aus dem Ärger eine Gaudi wird. Wie hat doch Fredl Fesl so schön formuliert?

Ohne Gaudi is ois nix

Ich wiederhole meine Hinweise für Menschen, die sich trotz dieser schönen Sprüche aufregen wollen: In meinem Internetangebot wird niemand beleidigt, verurteilt oder geschädigt. Wer sich in der Öffentlichkeit weit aus dem Fenster lehnt, muss mit der Satire rechnen. Dieser Beitrag gehört zur Kunstgattung Satire, die Personen und Handlungen mit Übertreibung, Ironie und Spott kritisiert und sie der Lächerlichkeit preisgibt. Örtliche Zustände, Gegebenheiten und Sachverhalte werden mit mehr oder weniger scharfem Witz dargestellt.

Der Nachfolge-Donisl

Ein hervorragender Aufreger zum Nachfolge-Donisl war die Tivoligeschichte aus dem Jahr 2022: Die Preißn-Hoibe vom Donisl. Der neue Wirt, Peter Reichert, wollte mit der Bezeichnung „DONISLS GSCHLAMPERTE HOIWE“ den Schankbetrug sozusagen legalisieren.

Tivolifoto – Mehr sog i ned

Reichert, war so gescheit, die Angelegenheit nicht zu kommentieren. Sein Spezl und Musikanten-Kollege, Josef Zapf, ist in die Satire-Falle getappt: Django und die Zapferl-Bande.

Tivolifoto – Mehr sog i zwoamoi scho gar ned

Auf meine Donisl-Kritik folgte eine Satire, hoitaus keine Satire, sondern ein Trauerspiel in 39 Akten, zu meinen Wahrnehmungen in der gesamten Münchner Innenstadtgastronomie: Die Verpreußung vom Wirtshaus.

Der Donisl würde vielleicht gerne an der Spitze bei den Bierpreisen mitmischen, hat aber vermutlich ein Problem mit seinem Nachbarn, Zum Stiftl am Marienplatz. Bei dem kostet die Augustiner-Hoibe 4,60 €. Wahrscheinlich wird die Hacker-Pschorr-Hoibe deshalb für nur 4,90 € angeboten. 2022 vor dem neuen Nachbarn war der Donisl-Hoibe-Preis schon bei 5,30 €.

Ich begrüße Weiterentwicklungen in der Gastronomie zum Wohl der Gäste. Betreffen die Veränderungen aber die Habgier oder beschränken die Freiheit und den Service, sind sie selbstverständlich aufzudecken, zu kritisieren und mit Satire anzuprangern.

2 Kommentare

  1. Wir waren im letzten Jahr auch enttäuscht. Vor dem Neubau war es gemütlicher, uriger und preiswerter und die Küche bayerisch deftig! Na ja, glücklicherweise gibt es ja auch noch andere gemütlich bayerische Lokalitäten im Zentrum Münchens mit bürgerlichen Preisen.

    • Vielen Dank für diese Meinungsäußerung. Ich war seitdem nicht mehr dort und gehe auch nicht mehr hin. Mein Bekanntenkreis meidet den neuen Donisl ebenfalls.

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