Das Letzte aus dem Hofbräuhaus

Bedeutung: Das Letzte

Im Hofbräuhaus bin ich kein registrierter Stammgast mit Ausweis, habe keinen Stammtisch mit Reservierung, nehme mir aber trotzdem die Freiheit, über das dortige Letzte zu schreiben. Vorneweg gebe ich natürlich zu, dass der Titel irrtümlich als Provokation verstanden werden kann. Dabei gibt es nach dem Duden fünf mögliche Bedeutungen für das Letzte:

  • das Ende einer Folge oder Reihenfolge
  • übrig sein oder als Rest übrigbleiben
  • den stärksten Grad im Sinne von äußerst ausdrücken
  • eine Rangfolge nach Qualität, Bedeutung oder Rang beenden, z. B. am geringsten oder am schlechtesten
  • gerade vergangen, z. B. Ereignisse, Zeitpunkte oder Zeitabschnitte, die vor der Gegenwart liegen

Im Onlineduden finden sich zahlreiche Beispiele, die belegen, dass mit dem Letzten keine Abwertungen verbunden sind. Umgangssprachlich mag das anders sein, wie das folgende zeigt. So ist der Titel „Das Letzte aus dem Hofbräuhaus“ aber nicht gemeint.

Frage: „Was macht ein Preiß, der in der Nase bohrt?“
Antwort: „Er holt das Letzte aus sich raus.“

Wenn jetzt jemand im Sinne der umgangssprachlichen Redewendung behaupten würde, das Hofbräuhaus sei, so wie im DWDS zu lesen, das Letzte, dann wäre das berühmteste Wirtshaus der Welt abgewertet. Ich würde mich dagegen wehren, weil ich die Schwemme zweimal in der Woche besuche. Dabei beanspruche ich einen Platz am traditionellen Münchner Stammtisch mit der früheren Nummer 49. Er hat nach dem aktuellen Kassensystem die Nummer 35 und befindet sich rechts vor dem Durchgang von der hohen zur niederen Schwemme.

Dieser Tisch ist somit der Letzte, bevor es bei der Prozession von Touristen in die niederen Gefilde des Hofbräuhauses geht. Danach kommen nur mehr die Toiletten und das Ende der Welt. Die Erde ist nämlich eine Scheibe, und die leichtsinnigen Teilnehmer des Umzugs fallen hinunter, weil sie nicht zurückkommen. Wer das nicht glaubt, wird mit dem Suezkanal eines Besseren belehrt, weil dieser bei einer Kugel in alle Richtungen auslaufen würde.

Herzlich willkommen im Zeitalter von Fake-News und alternativen Fakten. Da muss man doch gleich eine wahre Begebenheit aus der Tierwelt nachschieben.

Frage: „Wenn bei einem Preiß ein Wurm in ein Ohr kriecht,
warum kommt der dann auf der anderen Seite nicht mehr raus?“
Antwort: „Weil ihn in der Mitte der Vogel gefressen hat.“

Das Letzte benötigt aber einen sinnvollen Anfang, deshalb beginnen wir am besten mit dem letzten Aufgebot und enden mit der Frage, ob es das Ganze wirklich braucht. Wer das wissen will, schenkt mir eine halbe Stunde Lese- oder Lebenszeit und wird reich belohnt.

Das letzte Aufgebot

Von vorne sieht man den Anfang, von hinten das Ende. Deshalb stellt die Ansicht von hinten das Letzte dar. Beim Beitragsbild dieser Geschichten aus dem Hofbräuhaus verhält es sich aber umgekehrt: Das Letzte ist vorne. Geht man nämlich im großen Mittelgang durch die Schwemme, sieht man die Rückseite dieses Stammtischauslegers. Für die Vorderansicht muss man sich in den linken Gang an der Schänke begeben. Dann kommt man allerdings in den Genuss eines der schönsten Stammtischschilder im Hofbräuhaus: Das letzte Aufgebot.

Dabei handelt es sich um ein Historienbild von Franz von Defregger (1835–1921) mit einer Episode aus den Tiroler Freiheitskämpfen von 1809. Die Alten des Dorfes marschieren bewaffnet mit Sensen und Heugabeln zum letzten Widerstand gegen die bayerisch-französische Fremdherrschaft. Heute pflegen Bayern und Österreicher gemeinsame, mehrheitliche Abneigungen gegen Deutschland. Sie halten dem Land Tirol die Treue und singen mit Inbrunst die heimliche Tiroler Landeshymne.

So haben es die acht Stammtischbrüder von 1989 bestimmt auch gemacht, als sie dem Hofbräuhaus den geschmiedeten Ausleger schenkten. Warum der Hund mit der Sau von der Schellnsau und darüber eine Krone zu sehen sind, haben sie vermutlich mit in die Gräber genommen. Leider wird neuerdings der Anblick auf der linken Seite von überflüssigen, überdimensionierten Lautsprechern für Notfalldurchsagen verschandelt.

Über eine zweite Schandtat in der Schwemme kann nicht oft genug geschimpft werden. Einer der historischen Kronleuchter aus Metall wurde durch ein Pappmaché-Monster ersetzt, damit sich die Amerikaner wie in einer Geisterbahn vom Disneyland fühlen können. Der gemeine Tourist weiß natürlich nicht, warum das Scheusal dort erhängt worden ist. Es passt überhaupt nicht zur Deckenbemalung in der Schwemme von Hermann Kaspar aus dem Jahr 1965, die das Wort von der Liebe, die durch den Magen geht, allegorisch darstellt.

Offensichtlich versuchten die Hintermänner im Hofbräuhaus nach Corona, den Umsatz auf das vorherige Niveau zu heben. Dabei schreckten sie vor Kitsch und Preistreiberei nicht zurück. Das erfolgte auch im Sinne eines letzten Aufgebots, weil sie nicht ewig leben, möglichst reich sterben wollen und der Nachwelt einen Unsinn hinterlassen.

Die Touristen danken es, indem sie das Hofbräuhaus im Sinne von Prozessionen durchschreiten. Ehrfürchtig zücken sie ihre fotografischen Apparate und suchen nach Motiven, die ihre Katalogvorstellungen von Bayern befriedigen. Dazu präsentieren sich einige Gäste als Letzte-Aufgebots-Fotomodelle, obwohl sie keine Bayern sind, sich aber mit Trachten kleiden.

Auf der Touristenseite gibt es Letzte-Aufgebots-Gruppen, die zur Befriedigung ihrer unsinnigen Bedürfnisse für ein paar Tage um die Welt fliegen, um ihre fehlgeleiteten Erwartungen von Bayern zu erleben. Dieser Dummheit scheinen vorwiegend Gruppen von asiatischen Jugendlichen mit ihren überflüssigen, umweltschädigenden Flugreisen zu erliegen.

Ein weiteres, letztes negatives Aufgebot bilden Gruppen, die vor allem an Wochenenden die Münchner Innenstadt und das Hofbräuhaus heimsuchen, z. B.

  • deutsche Herrenmenschen, die säuferische Überlegenheit beweisen wollen
  • Sauftouristen, vorzugsweise aus Italien und den dafür bekannten Ländern
  • internationale Fußballidioten, die ihre passive Sportart mit Randale verwechseln
  • sogenannte Sportfans, die in Massen mit Bahnen und Flugzeugen anreisen
  • männliche und weibliche Junggesellenabschiede aus den neuen Bundesländern

Touristen finden in Tourismushochburgen niemals das, was sie suchen, z. B. Natürlichkeit, Originalität und Tradition. Erstaunlicherweise haben die Letzte-Generation-Aktivisten das Hofbräuhaus für weltweit wirksame Maßnahmen des Widerstands noch nicht entdeckt.

Mein letzter Beitrag

Wird ein Beitrag für Tivolifoto fertig, dann soll er natürlich auch angeschaut und gelesen werden. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten:

  • Die WordPress-Abonnenten von Tivolifoto erhalten eine automatische E-Mail.
  • Follower und Freunde bei Facebook werden im Facebook-Feed und im X-Feed auf den Beitrag hingewiesen.
  • Die Adressaten im Newsletter-Verteiler erhalten eine E-Mail mit einem Link zum Beitrag.
  • Ich packe ein neues Fotobuch in die Fototasche und lasse es am Stammtisch anschauen.

Die letzte Vorgehensweise gefällt mir am besten, weil ich sie miterleben kann. So war es mit dem letzten Fotobuch-Beitrag Wirtshausmusikanten im Hofbräuhaus I. Das Buch wurde am Stammtisch fünfmal auf verschiedene Art und Weise durchgeblättert und kommentiert.

Am längsten schaute der Metzger-Michi, weil er viele Musikanten persönlich kennt. Wer ihn aber kennt, weiß, dass er sich nicht so schnell zu einer Äußerung hinreißen lässt. Die Bemerkung einer Stammtischschwester, dass sie die Fotos bereits online angeschaut hatte, bewirkte die kürzeste Durchsicht. Lustig war die Meinung, dass die Musikanten beim Abblättern im Sinne eines Daumenkinos zu spielen anfangen.

Ein Stammtischbruder fragte, ob die Verwaltung des Hofbräuhauses das Buch kenne, weil es doch ein wichtiges Zeitdokument wäre. Ich meinte nur, dass für diese Personen Geld wichtiger wäre als Musik- und Wirtshauskultur. Der Stammtisch stimmte schweigend zu. Dann fragte mich der Musikfreund weiter, warum das Buch mein letztes sei. Überrascht versicherte ich, auch künftig vorzuhaben, Fotostrecken, Fotobücher und Tivoligeschichten zu erarbeiten. Das Tischgespräch wandte sich anderen Themen zu, und ich überlegte, was ihn wohl zu dieser abwegigen Ansicht gebracht habe.

Einem anderen Tischnachbarn erklärte ich, dass die abgebildeten Wirtshausmusikanten nur aus Oberbayern seien. Ein Teil II mit den Musikkapellen aus anderen Regierungsbezirken und Tirol würde folgen. Das hat aber der vorher Fragende nicht mitbekommen. Die Musik an unserem Münchner Tisch ist nämlich gelegentlich sehr laut, weil wir nahe den Musikanten sitzen.

Lange Zeit waren die Wirtshausmusikanten mein bevorzugtes Fotomotiv und der Grund für viele Hofbräuhausbesuche. Das konnte mir niemand verbieten, auch wenn es mit einer böswilligen E-Mail versucht worden ist. Bislang hatten aber schon mehrere Fotomotive ihren Reiz für mich verloren, weil mir neue Motive wichtiger geworden waren. Ohnehin gefällt mir das Schreiben mittlerweile fast mehr als das Fotografieren. Ich erklärte den Tischnachbarn, dass die Abwechslung und die Winterzeit Gründe für die Archivarbeit mit den Wirtshausmusikanten gewesen wären.

Danach gäbe es wieder einen Beitrag mit Geschichten aus dem Hofbräuhaus – so wie die vorliegende. Dabei überlegte ich weiterhin, was wohl die Bemerkung des Stammtischbruders mit dem letzten Buch veranlasst habe. Plötzlich fiel es mir ein. Er hatte mich kürzlich nach der Onlinefreundschaft auf Facebook gefragt und war somit Empfänger meiner Facebook-Mitteilungen.

Jetzt muss ich ein wenig ausholen. Ich stehe Facebook kritisch gegenüber, weil Demokratie bedroht wird und Daten missbraucht werden. Das sogenannte soziale Netzwerk verdient Geld mit den Leistungen seiner Mitglieder und beansprucht Urheberrechte. Diese und viele weitere negative Gründe haben mich veranlasst, Facebook nur für Textlinks auf meine neuen Beiträge zu verwenden. Meine Formulierung war jeweils: „Mein letzter Betrag ist …“ Dann schloss sich die URL des Artikels an.

Wer dies zum ersten Mal las, konnte es so verstehen, dass keine weiteren Beiträge folgen würden – so auch mein „Stammtischbruder“ und neuer „Facebook-Freund“. Er ließ nicht locker, mich zu fragen, warum ich keine Bücher mehr mache, obwohl der neue Titel ein erster Teil wäre. Schließlich klärte ich ihn über sein Missverständnis und meine nicht ganz eindeutige Formulierung auf.

Wir lachten, und die Idee für eine neue Geschichte aus dem Hofbräuhaus war geboren. Seine Bemerkung, im nächsten Leben auch Schriftsteller werden zu wollen, freute mich, obwohl ich mich meilenweit von der Schreibkunst entfernt fühle. Schließlich hatte ich ja nicht einmal diesen einfachen Satz unmissverständlich hinbekommen. Das Schreiben ist mir aber eine Freude und immer mehr eine Gaudi. Außerdem verspüre ich einen Drang, Geschichten aufzuschreiben, weil ich sie niemandem erzählen kann oder will.

Aus dem verunglückten Satz mit dem letzten Beitrag bei Facebook wird also künftig „Der neuste Beitrag ist …“ werden.

Niemand soll denken, ich gebe das Letzte von mir.

Deckenbemalung in der Schwemme

Als das Letzte kann man auch Verleumdungen, Unterstellungen und Gerüchte bezeichnen, die mit dem Begriff Fake-News neuerdings bekannt geworden sind. Es handelt sich um vorgetäuschte Nachrichten, die über das Internet verbreitet werden. Die Deckenbemalung in der Schwemme des Hofbräuhauses ist als beliebtes Fotomotiv davon betroffen. Beschränkte Zeitgenossen verbreiten nämlich das Gerücht, die bayerischen Rauten um die Deckenlampen sind eine Übermalung von Hakenkreuzen. Besonders nazigierige Amerikaner verzapfen solchen Unsinn. Im Internet gibt es sogar gefälschte Fotos, die mit vermeintlicher Röntgentechnik Swastika zeigen sollen, die immer wieder übermalt werden müssen, weil sie durchzuscheinen beginnen. Näher möchte ich auf solchen Schwachsinn mit alternativen Fakten nicht eingehen und zeige auch keine Links.

Unter meinen Fotos im Album Bierpalast befinden sich aber einige, die auf den tatsächlichen Ursprung der Deckenbemalung hinweisen. Dort liest man: „Hermann Kaspar – 1965 fec“. Letzteres steht dabei für fecit [lat.: »hat es gemacht«]. Die Schrift mit deutschen Buchstaben ist im ostnordöstlichen Teil der hohen Schwemme, links vom Durchgang zur niederen Schwemme, zu entdecken. Ein Hinweis zur Urheberschaft der Bemalung findet sich in dem hier verlinkten Artikel der Wochenzeitschrift Die Zeit aus dem Jahr 1965. Leider ist dieser ohne Anmeldung nicht mehr zugänglich. Ich übernehme aber das Zitat:

„Der Vizepräsident der Bayerischen Akademie der bildenden Künste, Professor Hermann Kaspar, versuchte in Deckengemälden das Wort von der Liebe, die durch den Magen geht, allegorisch darzustellen.“

Hermann Kaspar war ein bekannter nationalsozialistischer Künstler. Er wurde in den späten 1960er Jahren als Beispiel für versäumte Entnazifizierung angesehen, weil er trotz anfänglicher Entlassung durch die Amerikaner Akademieprofessor blieb und zahlreiche staatliche Aufträge bekam.

In der Anfangszeit des neuen Hofbräuhauses ab 1897 war die Decke in der hohen Schwemme mit grünen Ornamenten bemalt und stuckiert. Das zeigt eine Abbildung auf einer undatierten Postkarte in: Assél, Astrid und Huber, Christian: München und das Bier. Auf großer Biertour durch 850 Jahre Braugeschichte, Seite 56. Im Internet finden sich zahlreiche weitere Ansichtskarten und Fotografien zu dieser historischen Bemalung des Bierpalasts.

1886 zog die Brauerei Hofbräu nach Haidhausen. Anstelle des früheren Maschinen- und Sudhauses entstand 1887 am Platzl ein neues Gebäude nach Plänen des Architekten Max Littmann. Ein Foto aus dem Jahr 1905 dokumentiert die Ansicht der damaligen hohen Schwemme mit den typischen Kronleuchtern und der Bemalung. Es entstammt der Sammlung Matthias Weinberger im Stadtarchiv München und hat die Bezeichnung DE-1992-FS-NL-WEIN-0093.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Hofbräuhaus zur Ruine, wobei nur ein Teil der Schwemme stehenblieb. Die Decke der hohen Schwemme war vermutlich beschädigt und nach dem Wiederaufbau bis 1965 nicht bemalt. Dies belegt ein Foto aus dem Jahr 1953 – vermutlich von TimeLife. Nach 1965 wurde die Bemalung durch den Akademieprofessor Kaspar ein Opfer des Tabakrauchs. Ab 2007 nach dem Rauchverbot restaurierte man die Deckenbemalung. Die zeitgemäßen Stilelemente der 1960er Jahre schmücken den Bierpalast bis heute.

Gegenwärtig kenne ich keine weiteren Hinweise zur Urheberschaft der Deckenbemalung. Meine Befragung von älteren Stammgästen im Hofbräuhaus erwies sich als keine verlässliche Quelle. Die Öffentlichkeitsarbeit des Freistaats Bayern und die zuständigen Gastgeber informierten bislang nicht über diesen Schwemmehimmel, obwohl er neben Gästen und Musikanten das am meisten fotografierte Motiv im Hofbräuhaus ist. Sogar die Buchveröffentlichung Das Münchner Hofbräuhaus von Annette von Altenbockum aus dem Jahr 2008 verschweigt den Urheber, obwohl einige Fotos der Decke beinhaltet sind.

Diese fragwürdigen Vorenthaltungen gegenüber der Öffentlichkeit in Verbindung mit Bier und bayerischer Wirtshausatmosphäre fördern natürlich die Legendenbildung um Hakenkreuze und Nazivergangenheit.

Gerüchte und Vorenthaltungen gehören auch zum Letzten aus dem Hofbräuhaus.

Die chinesische Besatzung

Neulich bin ich mit der Stammtischlady allein am Münchner Tisch übrig geblieben. Zwei Stammtischbrüder waren schon gegangen. Am anderen Ende hatten wir eine dreiköpfige Familie dazusetzen lassen, die jetzt Anstalten machte, zu zahlen und zu gehen. Um den Tisch schlich auffällig eine junge Asiatin, die uns aber keines Blickes würdigte. Sie gehörte wohl zu einer chinesischen Herrenrunde, die in der Nähe saß.

So eine Gruppe mit männlichen Geschäftsleuten aus dem Reich der Mitte war im Hofbräuhaus vor Corona keine Besonderheit. Die Herren sind klein, stecken in Anzügen und tragen Krawatten. Während der Pandemie waren sie ausgestorben, jetzt dürfen sie wieder ihr Unwesen treiben.

Ihre Ziele sind Firmenübernahmen, Diebstahl von Know-how und Investitionen auf dem Weg zur wirtschaftlichen und politischen Weltmacht. Diese Aufgabe dürfen nur linientreue Parteimitglieder übernehmen, denen man auch einen Besuch im Hofbräuhaus gestattet. Von anderen Asiaten sind sie leicht zu unterscheiden, weil sie die schlechteren Zähne und Manieren haben. Soviel zu den Klischees.

Von solchen Herren geht aber eine große Gefahr aus. Sie vermehren sich nämlich blitzschnell. Da fragt einer an einem Tisch, ob ein Platz frei wäre. Wird zugestimmt, hat man verloren. Er greift nämlich zum Handy und ruft die anderen drei herbei. Am Tisch entsteht umgehend eine feindliche Übermacht von ungebildeten, unkultivierten Chinesen, mit denen kein Kontakt möglich ist. Englisch spricht nur der männliche Anführer oder die weibliche Begleiterin.

Erfahrene Hofbräuhausgäste wissen natürlich, wie man ein solches Unglück schon im Keim erstickt und das Dazusetzen verhindert. Das ist aber auch den Reiseleitern bekannt, deshalb fragen sie erst gar nicht. Sie stellen einen Posten auf, der das Aufbrechen von Gästen überwacht und mit dem Handy den Befehl zum Angriff gibt. In unserem Fall war das dieses herumschleichende Weib.

Während die Familie aufbrach, begannen die Chinesen mit der Attacke. Ihre Waffen waren Teller mit Schweinshaxn, Messer, Gabeln und Bierkrüge. Es handelt sich somit um keine neuen Gäste, sondern um bereits Anwesende, die sich in der Nähe der uns benachbarten chinesischen Gruppe platzieren wollten.

Die Aktion bewirkte meinen umgehenden lautstarken Protest in englischer Sprache. Sie beachteten mich nicht und zeigten weder mimisch noch gestisch ein Verständnis meines Protests. Ihre einzige Autorität war offensichtlich die Reiseleiterin, die sich klugerweise zurückgezogen hatte.

Wenigstens konnte ich die zwei Plätze auf unserer Tischhälfte gegenüber mir und der Lady retten. Still nagten die sechs Eindringlinge im feindlichen Tischteil weiter an ihren Haxn. Bald ging ihnen das Bier aus. Der Kellner stellte ihnen sechs neue Krüge am hinteren Tischende ab. Sie verteilten das Bier und drangen dabei in unsere Tischhälfte vor. Sofort protestierte ich wieder und schob die zwei Krüge über die Mitte zurück. Sie akzeptierten ihr erobertes Gebiet im Sinne eines Reiches nicht der Mitte, sondern der Hälfte und breiteten sich nicht weiter aus.

Ihr Essen und Trinken waren in den Musikpausen nicht zu überhören. Es kam zu Lauten des Schmatzens, Grunzens und Schlürfens. Sie aßen mit den Fingern von allen Tellern gleichzeitig. Etliche Haxn wurden nur angenagt oder angeschnitten. Es ist ja bekannt, dass sich viele Schweinshaxn im Hofbräuhaus gegen den Verzehr mit Härte, Trockenheit und Geschmacksverlust wehren. Schließlich werden sie auswärts vorgefertigt, angeliefert und vor Ort nur aufgewärmt. Jedenfalls blieb ein Saustall am Tisch übrig, der mit zerknüllten Servietten dekoriert worden war.

Ich erklärte der Stammtischlady, dass solche chinesischen Hofbräuhausübel meist nicht lange dauern würden. Wir hätten ja zwei Plätze für Münchner Gäste gerettet. In so einem Fall kamen natürlich keine solchen mehr. Jemand fragte angesichts der zwei freien Plätze, ob sich vier Personen dazusetzen können. Zwei kühne Eroberer – auch in Geschäftsanzügen – mussten abgewiesen werden, weil sie die Plätze ebenfalls ohne Grüße und Fragen einnehmen wollten.

Fast war es mir ein wenig peinlich, die Plätze weiterhin freizuhalten. Die Lady war entsetzt über den Saustall, den die Chinesen am Tisch angerichtet haben. Ich erklärte ihr, solche Anblicke schon zu kennen und fotografiert zu haben. Deshalb machte ich auch kein neues Foto von der Sauerei, sondern zeige hier Archivbilder zum Bericht.

Noch bevor die Chinesen aufbrachen, fragte uns ein älteres Paar nach den zwei freien Plätzen. Wir freuten uns über die neue Gesellschaft. Die beiden waren aus Ulm und man sah ihnen die 61-jährige, aber junggebliebene Ehe an. Es entwickelte sich eine angeregte Unterhaltung, die noch lange nach dem grußlosen Verschwinden der Chinesen anhielt.

Wir beschlossen den Abend mit der zufriedenen Erkenntnis, das Beste aus der chinesischen Besatzung gemacht zu haben. Sie dauerte nicht zu lange. Wir bekamen angenehme Tischgäste und sind für die nächste feindliche Übernahme gewarnt. Hoffentlich machen die Chinesen mit unserer Wirtschaft nicht den gleichen Saustall wie auf den Wirtshaustischen.

Wer diese Geschichte aus dem Hofbräuhaus für vorverurteilend und fremdenfeindlich hält, hat recht. Das hier beschriebene Besatzungsbeispiel gilt natürlich nicht für alle Chinesen, ist aber leider kein Einzelfall. Es gehört zu den einfachsten Regeln des Zusammenseins, andere zu grüßen und um das Dazusetzen zu bitten. Das wird in allen Sprachen verstanden und ist sogar mimisch und gestisch möglich. Hält sich jemand nicht daran, bin nicht ich feindlich, sondern diese Person. Negative Erfahrungen mit chinesischen Gästen werden vom Servicepersonal der Altstadtgastronomie in München bestätigt.

Der Platzversitzer

Sitze ich am Münchner Tisch und erwarte Bekannte, versuche ich einige Plätze freizuhalten. Das kann man natürlich nicht mit einem ganzen Tisch für acht Personen machen. Dazu wäre eine Reservierung notwendig. Weil ich aber nicht weiß, wer wann kommt, lasse ich andere Gäste dazusetzen und hoffe, dass die Plätze bald wieder frei werden. Meistens bin ich selbst ein Dazusetzer, weil der Tisch schon teilweise belegt ist, wenn ich komme.

Bei freien Plätzen während des größten Gästeandrangs wird häufig nach dem Dazusetzen gefragt. Dabei empfiehlt sich die Rückfrage nach der Personenzahl, die auch mit den Fingern möglich ist. Oft wird nämlich eine Person vorgeschickt, die dann eine Gruppe dazusetzen möchte. Zwei Personen finden an den Tischen in der Nähe der Blaskapelle meistens Platz. Ab drei Personen ist die Platzsuche im zentralen Bereich der Schwemme schwieriger als in den Randbereichen. Wenige Probleme haben Einzelpersonen.

So einfach, wie sich das liest, ist aber das Dazusetzen nicht. Die Gäste sollen nämlich auch ein wenig zusammenpassen. Probleme zeigen sich meist schon in den ersten Augenblicken. Wer sich ohne Grüßen und Fragen dazusetzt, hat verloren. Solche Machtansprüche drücken mangelnde Kontaktfähigkeit aus, die der Gemütlichkeit im Wirtshaus widerspricht. Fragt ein Paar und kann sich dazusetzen, gebietet die Höflichkeit, dass wenigstens ein paar Worte, Gesten oder Blicke mit den weiteren Tischgästen ausgetauscht werden.

Die sofortige Handynutzung beim Dazusetzen hat sich von der Unsitte zur Seuche entwickelt. Sie beeinträchtigt nicht nur Partnerschaften, sondern auch Tischgemeinschaften. Wischkastler drücken damit aus, keinen Kontakt zu wollen oder unfähig dazu zu sein. Sprachprobleme sind keine Ausreden. Kontakt gibt es sogar nonverbal – allein schon durch die Musik und das häufige Prosit. Wer beim Anstoßen nicht mitmacht, trinkt nicht auf das Wohl der anderen.

Eine weitere Behinderung der Tischgemeinschaft können Sitzpositionen und Körperhaltungen sein. Wer auf einer Bank weit vorn sitzt oder sich ständig nach vorn beugt, zeigt den Nachbarn die Schulter und beschränkt das Gespräch auf die gegenübersitzenden Personen. Gleiches gilt für auf dem Tisch verschränkte Arme oder abstützende Ellenbogen. Entspannte, angelehnte Positionen und Haltungen schließen alle Tischnachbarn in die Gemeinschaft ein.

Es kommt aber vor, dass sich jemand dazusetzt, der Kontakt, Gespräch und Gemeinschaft nicht will. Solch auffälliges Verhalten ist eigentlich in altbayrischen Wirtshäusern allein schon durch die Möblierung mit langen Sitzbänken nicht vorgesehen. Eine solche Person wird zum Platzversitzer. Das gemeinschaftliche Erleben am Tisch und das Miteinander im Wirtshaus werden nicht bereichert, sondern gestört. Die anderen haben nichts von einem anwesenden Individuum, das sich selbst ausschließt.

Außerbayerische Gäste im Hofbräuhaus haben mir berichtet, dass dieses Sich-Verteilen auf alle Tische in Gasträumen in vielen deutschen Regionen üblich sei. Deswegen würden so viele Preußen nach Bayern und ins Hofbräuhaus kommen. Damit bestätigt sich wieder meine Theorie, dass Reisen unsinnig sind. Soll man doch lieber zu Hause lebenswerte Verhältnisse schaffen, anstatt sie in der Ferne suchen.

Platzversitzer können aber nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Paare und Gruppen sein, die sich aus der Tischgemeinschaft ausschließen. Im Hofbräuhaus ist das besonders bei asiatischen Touristen zu beobachten. Sie kommen zu zweit oder mehreren und wollen Land und Leute kennenlernen. Dabei sind sie jedoch nicht für den Kontakt bereit und bleiben allein oder unter sich, wobei es natürlich Ausnahmen gibt.

Damit bestätigt sich wiederum die Fragwürdigkeit eines derartigen Tourismus. In der früheren Bezeichnung Fremdenverkehr war wenigstens noch das Miteinanderverkehren beinhaltet. Wirtshausbesuche in Altbayern sind nicht nur in der Nahrungsaufnahme begründet, sondern auch in gemeinschaftlichen Treffen und in der Kontaktpflege.

Zusammensitzen ohne Kontakt ist preußische Platzversitzerei.

Dann gibt es noch Spezialfälle. Im Hofbräuhaus betrifft einer davon die Wirtshausmusik. Selbstverständlich wollen Musikliebhaber in Sichtweite der Kapelle sitzen. Dabei ist ihnen egal, wer noch am Tisch ist. Sie beteiligen sich nicht an der Tischgemeinschaft und werden zum Platzversitzer.

Extreme Exemplare dieser Spezies gehen sogar ohne Musikvorlieben so weit, dass sie immer denselben Platz beanspruchen. Zeitweise bin ich sogar selbst diesem Übel erlegen, weil ich einen Randplatz zum schnellen Aufstehen fürs Fotografieren einnehmen wollte. Irgendwann wurden mir die immer gleichen Motive aber zu langweilig.

Andere Gründe für die Wahl eines bestimmten Randplatzes sind der Harndrang oder die Nikotinsucht. Der Erstere ist verständlich, weil man nicht immer mehrere Personen einer Sitzbank durch Aufstehen stören möchte. Im zweiten Fall ist das Platzversitzen kritisch zu bewerten. Wer sitzt schon gern mit jemandem am Tisch, der ständig ins Freie muss und somit durch Abwesenheit glänzt? Sein Platz muss freigehalten werden, und Touristen fragen dauernd nach dem Dazusetzen.

Bei Anwesenheit trinkt der Platzversitzer Bier nicht aus Maßkrügen, sondern aus Halben. Als halbe Portion sind ihm nämlich ganze Sachen zu viel. Er ist evangelisch, trägt Pastorenbart und wählt SPD – was in Altbayern sehr verdächtig ist. Sein Auftreten gleicht einem Schleicher, das Verhalten einem schweigenden, besserwisserischen Denker. Als ehemaliger Pauker hat er einen unfreundlichen Hang zum übertriebenen Korrigieren von Gesprächsbeiträgen, die vielleicht nicht so ganz stimmen. Sein Lachen klingt gequält und gekünstelt, so wie das „Ho, Ho der Nikolaus“. Beim Theater des hölzernen Gelächters würde er sofort eine Hauptrolle bekommen. Mit einem Satz:

So ein Platzversitzer ist eine richtige Bereicherung für jede Tischgemeinschaft.

Die Sauerei mit den Schweinswürstl

Gäste aus meinem Bekanntenkreis bewerten die Speisen im Hofbräuhaus meist negativ. Häufig wird eine große Qualitätsstreuung festgestellt. Viele Gerichte esse ich nicht, weil sie nicht frisch, sondern warmgehalten oder aufgewärmt sind, z. B. Schweinshaxn und Hendl. Der Schweinsbraten mit Beilage ist für die gegenwärtigen 22,70 € preislich inakzeptabel. Lobenswert waren Blut- und Leberwurst sowie Tellerfleisch. Beide Gerichte gab es aber nur saisonal begrenzt. Überhaupt ist das gesamte Speiseangebot nach der Pandemie erheblich geschrumpft.

Ich esse zweimal in der Woche im Hofbräuhaus, weil ich davor nicht anderswo einkehren will. Dabei entwickelten sich zwei Lieblingsgerichte: Bierbratl und Schweinswürstl. Ersteres ist als Wammerl mit einem Fettanteil etwas saftiger und knuspriger als der Schweinsbraten. Es neigt aber manchmal zur Fettorgie und zu einem würdigen Alter mit Verdunklung und Faserigkeit an den Rändern. Das sind Zeichen von langer Vorportionierung der Scheiben des Bratenstücks. Der Preis von 16,50 € mit Bayrisch Kraut und Semmelknödel ist noch tragbar. Leider fällt die Menge der Soße einheitlich zu gering aus.

Die Schweinswürstl wurden zu meinen Favoriten, weil ich mir dachte, dass man bei denen bis auf den fragwürdigen Preis nichts falsch machen kann.

Vier Stück Schweinswürstl mit Senf und Sauerkraut – 14,30 €

Warum die Schweinswürstl für mich eine Sauerei sind, ist ganz einfach. Erstens darf man in Bayern zu einem Schwein auch Sau sagen. Damit wird das gescheite Tier nicht beleidigt. Zweitens wird für die Herstellung von Schweinswürstl Schweinefleisch verwendet. Somit sind die Schweinswüstl eine Sauerei. Und außerdem ist das Wortspiel für mich eine Gaudi, die nichts mit Verschmutzungen bei der Beschimpfung Sauerei zu tun hat.

Ich habe keine Kenntnisse und Erfahrungen in den ehrbaren, sauberen Berufen der Metzger und Köche. Allerdings ist mir bekannt, dass handwerkliche Tätigkeiten durch Maschinen ersetzbar sind. Aus vielen individuellen Handwerksprodukten wurden vereinheitlichte Industrieprodukte – so wie bei den Speiseangeboten in Wirtshäusern. Es wird halt alles gleich hergestellt und schmeckt identisch. Das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, weil es durchaus wohlschmeckende Industrieprodukte gibt.

Vor Jahren erklärte mir ein Gast vom Mittwochsstammtisch, dass er genau wisse, wie Schweinswürstl zubereitet werden. Er sei nämlich schon bei vielen heimischen Volksfesten für die Würstl verantwortlich gewesen. Ich hielt dagegen, er kenne die Hofbräuhausküche nicht. Das ließ er aufgrund seiner Tätigkeiten und Erfahrungen aber nicht gelten. Die Zubereitung von Würstl sei schließlich überall gleich sowie durch viele Volksfest- und Biergartenbesuche anschaulich und vertraut.

Jetzt kenne ich die Verfahrensweisen der Hofbräuhausküche auch nicht in vollem Umfang, aber etliche Ergebnisse. Deshalb verdächtige ich das Hofbräuhaus, die Schweinswürstl nicht von einem Menschen, sondern von einer Maschine und im Vorfeld zubereiten zu lassen.

Die Schweinswürstl im Hofbräuhaus werden nicht frisch zubereitet.

Selbstverständlich sind Fleisch und Würste hausgemacht, kommen aus der Region und wurden mit artgerechter Tierhaltung und Schlachtung erzeugt. Das Haus liegt aber in einem Industriegebiet, etwa zehn Kilometer vom Hofbräuhaus entfernt. Da ist doch zu vermuten, dass auch die Schweinswürstl dort zubereitet und für den Transport vorbereitet werden. Vor Ort werden sie dann nur mehr aufgewärmt.

Frisch gegrillte oder gebratene Schweinswürstl hätten nämlich ein Röstaroma, das bei den Hofbräuhausexemplaren nicht zu schmecken ist. Die nur kurz anhaltende Wärme der Würste spricht ebenfalls für das Aufwärmen. Bei frischer Zubereitung würde die Wärme bis zum vollständigen Verzehr anhalten. Das gleichmäßige Anbraten auf beiden Seiten weist zusätzlich auf den Maschineneinsatz. Gelegentlich einheitliche Verbrennungen würden von einer Person verhindert werden.

Ein weiteres Problem ist die Würzung bei der Herstellung. Die Industrie bietet dafür fertige Würzmischungen an, die jeden individuellen Geschmack verhindern. Hinzu kommt vermutlich, dass beim Würzen gespart wird, damit das Geschmackserlebnis gering bleibt. Ich kann das beurteilen, weil ich Schweinswürstl gelegentlich auch in anderen Wirtshäusern und auf Volksfesten esse.

Intensive Würzung und frisches Röstaroma sind im Hofbräuhaus nicht zu schmecken.

Ganz anders verhält es sich mit dem hervorragenden Sauerkraut. Es ist nicht süß-sauer, sondern sauer, wie es sich gehört, nicht zu verkocht und weich, sondern mit Biss. Die Würzung ist vollmundig, bekömmlich und intensiv. Geräucherte Speckwürfel tragen zum Aroma bei. Mit anderen Worten: Es schmeckt mir so gut, dass ich die faden Würstl und den gehobenen Preis hinnehme.

Hinzu kommen die guten kleinen Brezen im Hofbräuhaus. Wegen oder trotz des Gefrierens und Aufbackens gelingt das seltene Kunststück, diese ständig frisch und knusprig anzubieten. Der Laugengeschmack ist ausgeprägt, der Teig nicht zu hart oder zu weich. Salzungsgrade stimmen und bleiben erhalten, ohne die Laugenkruste aufzuweichen. Mit dem Preis von 2,10 € wird die kleine Brezn aber zum Luxusgut.

Hätte mir vor Jahren jemand erzählt, dass man in einem staatlichen Wirtshaus für zwei Paar Schweinswürstl mit einer kleinen Brezn 16,40 € bezahlen muss, hätte ich den betreffenden Verstand infrage gestellt. Muss der Staat nicht ein besonderes Angebot für das Volk machen, weil diesem der Betrieb gehört, oder darf man es zum Wohl der Staatsdiener ausbeuten?

Ist dieser Preis nicht auch eine Sauerei mit den Schweinswürstl?

Das Geschenk vom heiligen Josef

Alter Peter
Alter Peter

Oder sollte ich lieber vom Alten Peter schreiben? Beides trifft nämlich zu. Kennengelernt hatten wir uns schon am 8. Mai 2023 am Münchner Tisch mit der Kassennummer 35 in der Schwemme des Hofbräuhauses. Beim Verabschieden hatte ich ihr die Visitenkarte von Tivolifoto gegeben und sie zum Wiederkommen eingeladen.

Am 7. März 2024 setzte ich mich wie üblich an den Tisch neben David und einer mir nicht bekannten Dame. Gespräche mit David sind schwierig für mich, weil er nur Englisch spricht und ich mein Schulenglisch ungern verwende. Die Tischnachbarin schien sich problemlos mit David zu unterhalten. Auf einmal erklärte sie mir, dass wir uns kennen und sie von meinem Internetangebot wusste. Am oberen Tischende wurde ein Platz frei, und ich wechselte auf ihre linke Seite.

Tisch 35 im Hofbräuhaus
Tisch 35 in der hohen Schwemme des Hofbräuhauses

Dabei freute ich mich, vom Sprachproblem erlöst zu sein und war gespannt auf das erneute Gespräch. Ihr war es offensichtlich ebenfalls angenehm, sich ohne die Wortfindungsprobleme mit der ungewohnten Sprache unterhalten zu können. David sprach sie jedoch weiterhin auf Englisch an. Als gute Tischnachbarin fühlte sie sich verpflichtet, darauf einzugehen, klagte mir aber bald über ihre Not. Deshalb schlug ich ihr einen Toilettengang vor, bei dem ich neben David rutschen würde, und sie sich dann an meine linke Seite setzen könnte.

Zunächst lehnte sie ab und ging schließlich auf mein Angebot ein. David weiß, dass wir trotz der Sprachprobleme gern zusammensitzen, auch wenn wir nicht immer alles verstehen. So ergab sich eine harmonische Tischgemeinschaft, bei der ich die Dame zum zweiten Mal ein wenig näher kennenlernte. Dabei stellt sich heraus, warum ich sie nicht sofort wiedererkannt hatte. Bei der vorherigen Begegnung trug sie nämlich eine auffällige Brille und Jeans, danach aber ein schönes Dirndlgwand und keine Brille.

Musikantentreff im Bräustüberl des Hofbräuhauses
Musikantentreff im Bräustüberl des Hofbräuhauses

Der Abend nahm eine überraschende Wendung mit einem neuen Gast, der bislang nur selten am Tisch war. Bekannte hatten mir berichtet, dass er schon einige Tage vorher gekommen sei, mich jedoch nicht angetroffen habe. Jetzt zeigte er mir den Grund – eine Folienmappe mit Fotos von mir beim Fotografieren während des montäglichen Musikantentreffs im Bräustüberl des Hofbräuhauses. Er hatte sie heimlich aufgenommen und übergab sie mir als nachträgliches Geburtstagsgeschenk.

Kuchen zum Namenstag
Kuchen zum Namenstag © David Beckham

Ich freute mich sehr und dankte mit einem Geschenk in der Hofbräuhauswährung – ein Bierzeichen für eine Maß Bier. Die Tischnachbarin bekam ebenfalls eine solche Münze. Der vergnügte Abend endete mit dem Musikschluss und wir versprachen, uns wiederzutreffen. Nach einer Woche sahen wir uns ein zweites Mal. Das Treffen war aber nur kurz, weil ich bei ihrer Ankunft schon am Aufbrechen und sie ohnehin in Begleitung war.

In der folgenden Woche, am 21. März 2024, kam es zur dritten Begegnung am Tisch 35 in der Schwemme mit einer großen Überraschung. Meine neue Bekannte brachte mir einen selbst gemachten Kuchen als Geschenk zum vorangegangenen Josefitag, am 19. März, mit.

Man muss sich die Ungewöhnlichkeit und Großartigkeit
des Geschenks einmal vorstellen:

  • erstens ein Geschenk zum Namenstag
  • zweitens ein Kuchen für einen Mann
  • drittens ein süßes Gebäck im Hofbräuhaus
Dienstmann Alois Hingerl als Engel Aloisius
Dämliche Darstellung des Dienstmanns Alois Hingerl

Für mich war es eindeutig, dass höhere Mächte ihre Finger im Spiel hatten. Ich blickte nach oben und sah den erhängten Engel Aloisius. Handelte es sich vielleicht sogar um eine göttliche Botschaft? Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Das geschmacksverirrte, denkmalschädigende Pappmaché-Monster hatte nichts damit zu tun. Da steckte der heilige Josef dahinter. Sein Name war die Eingebung für das Kuchengeschenk.

Josefifeier 2020
Josefifeier 2020

Namenstage waren in Altbayern schon immer wichtiger als Geburtstage. Unter den etwa 800 Heiligen der katholischen Kirche hat der heilige Josef als Namenspatron für mich eine besondere Verantwortung. Im Hofbräuhaus hat er von mir schon die Geschichte zur Josefifeier 2020 bekommen.

Tregler Alm feiert Josef Kapelle
Tregler Alm feiert Josef Kapelle

Beim vierten Zusammenkommen sprachen wir über den Heiligen, weil mich ein Gast an die Einweihung der Josef Kapelle auf der Tregler Alm und das entsprechende Fotobuch erinnerte. Das Gespräch wendete sich zu St. Joseph am Münchner Josefsplatz. Diese Örtlichkeiten in der Maxvorstadt gehören aber nicht zu meinen üblichen Wegen. Mein Heiliger Josef hat einen Altar im Alten Peter. Ich besuche ihn gelegentlich mit der Besteigung des Petersbergls und der Wallfahrt zu meinen Heiligen.

Brunnenheilige auf dem Viktualienmarkt
Brunnenheilige auf dem Viktualienmarkt

Dieser fromme Pilgergang hatte bereits 2015 eine Zusammenfassung in der Tivoligeschichte Meine Heiligen gefunden. Neben den Heiligen in der Peterskirche schaue ich natürlich auch bei den sechs Brunnenheiligen auf dem Viktualienmarkt vorbei: Elise, Ida und Liesl sowie Ferdl, Jackl und Valentin. Die vollständigen oder künstlerischen Namen sind Elise Aulinger, Ida Schuhmacher, Elisabeth Wellano oder Liesl Karlstadt, Ferdinand Weisheitinger oder Weiß Ferdl, Jakob Roider oder Roider Jackl und Valentin Johann Fey oder Karl Valentin. 

Hl. Munditia
Hl. Munditia im Alten Peter

Meist beginnt mein Besuch im Alten Peter bei der heiligen Munditia. Die römische Katakombenheilige liegt als Ganzkörperreliquie in einem Glassarg in der 5. Kapelle auf der Nordseite von St. Peter. Als Patronin ist sie für die alleinstehenden Frauen zuständig. Deshalb frage ich sie immer, ob sie nicht auch eine für mich hätte. Kritisch schaut sie mich mit ihren Edelsteinen als Augen an. Selbstverständlich bekomme ich wegen fehlender Hintergedanken kein schlechtes Gewissen. Andererseits stelle ich mir immer vor, dass sie Karl Valentin ebenso zweifelnd beäugt hatte, weil er das folgende Inserat aufgegeben hatte.

„Zugehfrau, die auch wieder weggeht, sofort gesucht.
Vorzustellen bei M. Tucker; London, Feldmochingerstreet S E. 9587 17942.“

Diese Geschichte erzählte ich meiner neuen Bekannten, die meinte, dass sie vielleicht auch einmal zur heiligen Munditia gehen sollte. Scherzhaft verdächtigte sie mich, ebenfalls eine solche Zugehfrau zu suchen. Sofort versicherte ich ihr, nur fromme Wünsche zu haben, die dem Leben meines Namenspatrons entsprechen. Der heilige Josef war schließlich in seinen Beziehungen zu Frauen über jeden Zweifel erhaben und brauchte keine Bedienstete im Haushalt.

Hl. Joseph im Alten Peter

Schnell brachte ich das Gespräch auf die zweite Station meiner Wallfahrt: die Joseph-Kapelle auf der Südseite der Peterskirche. Mit dem Handy zeigte ich ihr meine Fotos der beiden Altäre. Sie meinte, dass ihr die Figur des heiligen Joseph mit dem Jesuskind als Beschützer lieber wäre als das furchterregende Skelett. Und außerdem habe er dich dazu gebracht, mir einen Kuchen zum Namenstag zu schenken, fügte ich lächelnd hinzu.

Abschließend stellt sich natürlich die Frage nach den Absichten des heiligen Josef mit seinem Geschenk. Er gilt nämlich neben anderen Aufgaben, gleichermaßen als Schutzpatron der jungfräulichen Menschen und der Eheleute. Da soll man sich jetzt noch auskennen! Hinzu kommen die Beschränkungen des Wollens und Könnens. Dabei scheint sich der folgende Grundsatz zu bewahrheiten.

Man will immer das, was man nicht hat.

Wer das weiß, fragt sich, ob man das wirklich braucht. Mit dieser Frage wird Tivolifoto endgültig zum Marketingportal mit dem neuen Untertitel „Brauchts des“. Diese typisch altbayerische Frage oder Haltung hat es übrigens schon vor den Sprachkünstlern, Philosophen und Humoristen Karl Valentin und Gerhard Polt gegeben.

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2 Kommentare

    • Danke für die Köstlichkeit. Bei der fehlenden Beauty weise ich auf die vielen Designelemente und Fotos hin. Midm richtign Lebn sama wida beinand.
      Herzliche Grüße, Sepp

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