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Die Preißn-Hoibe vom Donisl

Schaumpritscheln statt Bierzapfen in der Schänke des Donisl
Schaumpritscheln statt Bierzapfen in der Schänke des Donisl

Der zum zweiten Mal neue Donisl hat ja in der Presse viele Vorschusslorbeeren bekommen. Ein Musikantenwirtshaus für Münchner sollte es werden. Die Räuberhöhle im ehemaligen Donisl und die Touristenfalle des neuen Vorgängerwirts hatten erfreulicherweise aufgeben müssen. Mit dem Musikantenwirt Peter Reichert glaubte die Brauerei, einen geeigneten Nachfolger gefunden zu haben.

Ich freute mich, neben dem Hofbräuhaus und einigen anderen Wirtshäusern oder Biergärten neue Veranstaltungen mit Wirtshausmusik besuchen zu können. Gegenwärtig ist dieser Teil der Volksmusik nicht nur in den Wirtshäusern der Altstadt, sondern in ganz München und Altbayern stark im Kommen. Sendungen des Bayerischen Fernsehens wie Wirtshausmusikanten beim Hirzinger und Brettlspitzen sowie der Radiosender BR-Heimat haben sicherlich dazu beigetragen. Der Trend wurde beispielsweise von der Couplet-AG mit Jürgen Kirner, den Brunnenfesten auf dem Viktualienmarkt sowie den montäglichen Musikantentreffen, den täglichen Obermüller Musikanten und den weiteren Festkapellen im Hofbräuhaus kräftig unterstützt.

Höhepunkte waren die musikalischen Angebote in den Festzelten der Oidn Wiesn. Eines von vier Festzelten dieses neuen Oktoberfestteils nannte sich Zur Schönheitskönigin. Festwirt war Peter Reichert. In Wirtshaus- und Musikantenkreisen wird er einfach nur „da Bähda“ genannt. Mit dem zweifach neuen Donisl wirkt er jetzt in der Nachbarschaft des Alten Peters, hat aber mit dieser altmünchner Bezeichnung des Turms der Stadtpfarrkirche Sankt Peter nichts zu tun. Er will eher einen jungen Eindruck vermitteln und sicherlich kein alter, schwarzer oder grauer Peter sein, weil graue Haare gelegentlich weggefärbt werden.

Tatsächlich ist der Peter eine stadtbekannte Persönlichkeit, ein Gaudibursch und ein eifriger Musikant, der mit münchnerischem Humor zahlreiche volkstümliche Ideen gekonnt umsetzt. Deshalb hat ihm die Brauerei nicht nur den Donisl, sondern auch das große Traditionszelt Bräurosl auf dem Oktoberfest zugesprochen.

Um an altmünchner Wirtshaustischen mitreden zu können, habe ich den neuen Donisl schon besucht. Groß unterscheidet sich der erste Eindruck nicht von meiner Wahrnehmung der vorherigen Räumlichkeiten. Der Charme einer Bahnhofshalle mit Altar und Empore ist etwas abgemildert worden. Nach der Pleite mit dem Leberkas im Vorgängerbetrieb (siehe Tivolifoto: Des war koa Lebakas vom 24. Februar 2019) suchte ich auf der Speisekarte als erstes nach diesem Münchner Pflichtgericht.

Auwehzwick, der Leberkas war nicht nur wie vorher keiner gewesen, sondern ist jetzt gänzlich ausgestorben. Aus Trauer verzichtete ich auf das Essen und bestellte mir nur eine Hoibe. Diese Bezeichnung meint in Altbayern einen halben Liter Bier. Sie wird aber vom meist internationalen Personal kaum noch verstanden.

Das Bier schmeckte etwas seltsam, was auch drei mittlerweile am Tisch sitzende Trachtler bemerkten. Ihre sachkundige Feststellung war, dass das Bier nicht von heute sei. Sie wollten den Bähda sprechen, der aber nicht da war. Nach der Mitteilung des abgestandenen Geschmacks an eine Kellnerin bekamen sie umgehend drei neue Hoibe. Ich notierte mir ihre Worte in meinem Notizbuch: „Iaz vakauft er scho a oids Bier, da Bähda.“ Wer das nicht glaubt, dem kann ich die stadtbekannten Trachtler gerne benennen.

Auf der Speisekarte bezeichnet sich der Donisl als „Reale Bierwirtschaft“. Unter real versteht man vor allem etwas, das in Wahrheit so ist. Ein abgestandenes Bier wird damit sicher nicht gemeint sein. Bei der Durchsicht der auf 16 Seiten aufgeblähten Speisekarte fällt auf, dass sich dort viele Elemente befinden, die mit Speisen im Wirtshaus nichts zu tun haben, z. B. Fotos von Volkssängern, Notenzeilen, Liedtexte und ausufernde Beschreibungen. Hier soll wohl ein altmünchner Anschein erzeugt werden, den es gar nicht braucht, wenn die Anmutung stimmt, wenn Bier und Essen schmecken.

Lobenswerterweise wurden die scheinmodernen Burger weggelassen, aber die Fleischpflanzerl sind ebenfalls ausgestorben. Es gibt sie nur noch als regional typischen Quinoabratling ohne Fleisch. Pfui Deife! Überhaupt scheint das Speisenangebot im Donisl wie bei Innenstadtwirten üblich aus vorgefertigten Gerichten zu bestehen. So ein Schein kann natürlich trügen, aber die Speisekarte erweckt schon viel Anschein.

Heutzutage ist es schwierig ein neues Wirtshaus zu betreiben, z. B. wegen Pandemie, eingeschränkten Öffnungszeiten und Personalmangel. Da ist man froh um jeden Gast. Bei Musikveranstaltungen gibt es aber ein anderes Problem: die Reservierungen. Dieser neue gastronomische Auswuchs wuchert in München und nach Berichten aus meinem Bekanntenkreis auch im Donisl. Folgen sind häufig eine hektische Umsetzerei und ein großes Durcheinander wegen ausbleibender Reservierungsgäste. Zu Gemütlichkeit, Tradition und Wirtshauskultur gehört aber in Altbayern das Dazusetzen an langen Tischen. Komme ich in ein Wirtshaus mit Reservierungsschildern auf leeren Tischen, freut sich bestimmt der Wirt auf den bald eintreffenden Umsatz, ich gehe jedoch nicht mehr hin.

Sollen doch Touristen und Preußen altes Bier saufen und Convenience Food vertilgen! Im Wirtshaus sind Leberkas, Fleischpflanzerl und Dazusetzen Pflicht. In der deutsch-preußischen Kultur will jeder seinen Tisch und sein Revier haben – wia bei de Viecha. Gemütliche Bayern wollen sich dazusetzen. Ist das nicht möglich, kann der Kaiser von China mit seiner Blaskapelle spielen oder sogar der allseits geschätzte Josef Menzl – aber ohne mich als Gast.

Niemandem darf es wurscht sein, wenn altbayerische und altmünchner Traditionen dem Kommerz geopfert werden und aussterben. Ich finde mich nicht damit ab und bleibe mit meiner Schreiberei bei der Wahrheit.

Fast Ausgestorben ist in München der Wolpertinger und überhaupt der Feldafinger. Dabei handelt es sich nicht um einen Bewohner der Gemeinde am Starnberger See, sondern um ein einheimisches Sprachspiel für Fehlt-ein-Finger. Den Feldafinger kann man aber noch im Gastgarten beim Imbissstand am Viktualienmarkt erleben. Diese Touristenfalle wird gelegentlich auch Biergarten genannt und hat gegenwärtig immer noch die geschmacklose, pandemiebedingte Anmutungsqualität einer Sauweide mit Bretterzaun. Dort gibt es den Feldafinger als Ersatz für die Hoibe. Der Schankbetrug an Touristen erfolgt mit städtischer Verpachtung und Genehmigung (siehe Tivolifoto: Der Feldafinger, 18. November 2015).

Besonders auffällig war der Schankbetrug auf der Oide-Wiesn mit der Fehlt-vier-Finger-Maß im Festzelt Zur Schönheitskönigin. Jetzt sind wir wieder beim Bähda. Er ist ja bekanntlich ein kluger, findiger Kopf und hat sich wahrscheinlich überlegt, was man machen kann, um Betrügereien mit Hoibe und Maßen zu legalisieren.

Solche Beobachtungen und Möglichkeiten mussten den Bähda zwangsläufig zur folgenden Wohltat für Gäste und vor allem für seinen zukünftigen Geldbeutel geführt haben. Man bekommt ja schließlich ein einheimisches, goldenes, edles und helles Produkt – was immer das heißen mag. So eine Illusion macht die Gäste selbst zu höheren Wesen, die sich einem gehobenen Geschmack und Genuss hingeben. Zusätzlich soll die Bezeichnung gschlampert einen volkstümlichen, humorvollen Eindruck vermitteln. Wer war in seinem Leben noch nicht einmal schlampig und hat sich einer Gaudi hingegeben?

Ausschnitt aus der Speisekarte im Donisl am 6. Juli 2021

Die Erfindung vom Bähda auf der Eröffnungsspeisekarte des Donisl am 6. Juli 2021 hieß „DONISLS GSCHLAMPERTE HOIWE Frisch gezapft vom Holzfass“ – 0,35 l für 3,90 €. Damals hatte ich meine Wirtshausspezl mit der Bemerkung gewarnt: Gschlamperte Hoibe heißt gschlampertes Wirtshaus. Ob mir das geglaubt worden ist, sei dahingestellt. Immerhin gab es noch das Münchner Hell vom Großfass 0,5 l für 4,90 €.

Ausschnitt aus der Speisekarte im Donisl am 25. März 2022

Auf der Speisekarte vom 25. März 2022 ist zu lesen: „DONISLS GSCHLAMPERTE HOIWE“ 0,4 l für 4,50 €. Vorher zweifelhafte Übertreibungen sind zugunsten von Milde, Süffigkeit und einer Empfehlung im Sinne der Perfektion verschwunden. Man fragt sich, was ein Voressen überhaupt ist – nämlich eine Schweizer Variante des Ragouts – und ob hierzulande Bier nur zum selbigen oder zum Fisch getrunken wird. Offensichtlich soll ein Anschein von Essen und Trinken auf hohem Niveau und von gehobener Küche im Wirtshaus erzeugt werden. Die richtige Hoibe mit 0,5 l ist fast ausgestorben und fristet nur noch ein kümmerliches Dasein als Saisonbier oder „Alkoholfreies aus der Flasche“.

Eine ordinäre, allgemein übliche Hoibe würde somit in der realen Bierwirtschaft Donisl gegenwärtig 5,625 € kosten. Diesen Preis wäre bei guter musikalischer Unterhaltung sicherlich kein Problem. Ansonsten ist das ein unangemessen hoher, unverschämter Spitzenpreis in der Münchner Innenstadt-Gastronomie, der sich gegen Münchner und Bayern richtet, aber gebührenden Respekt für den gescheiten Erfinder verdient. Vielleicht soll die Preißn-Hoibe einen Anschein von Preiswertigkeit wecken, in Wirklichkeit zeigt sie jedoch das wahre Gesicht des Wirts.

Das Urheberrecht am 0,4-Liter-Bier in einem 0,4-Liter-Krug hatten aber andere Wirte. Gottseidank sind diese mit ihren kleinen Kinder-Kriagal in München bereits ausgestorben. Der Donisl-Wirt will natürlich den Fehler von früher nicht wiederholen. Er lässt 0,4 Liter in 0,5-Liter-Gläsern ausschenken.

Dabei ist es ihm wurscht, dass Bierschaum zum größten Teil aus Luft besteht und sich nur wenig verflüssigt. Vor den Augen der Gäste wird in der Schänke des Donisl zunächst Bier gezapft, dann Schaum darüber gepritschelt. Das Beitragsfoto am Anfang belegt die Sauerei. Solche Untaten gelten in Altbayern als noch schlimmere Verbrechen gegen die Bierkultur, wie Bier zusammenzuschütten.

Vermutlich begründet man die fragwürdige Praxis des großen Schaum- bzw. Luftanteils mit Gästewünschen nach Schaumigen oder Schnitten. Das sind jedoch andere Paar Stiefel, die mit dem 0,4-Liter-Angebot auf der Speisekarte nichts zu tun haben. Die Füllmenge ist im Donisl aber nur schwer zu ergründen, weil Krüge und Gläser mit dem Eichstrich auf 0,5 Liter ausgelegt sind.

Man fragt sich, ob der Ausschank von 0,4 Liter Bier in Gläsern oder Krügen mit dem Eichstrich bei 0,5 Liter rechtmäßig ist. Früher gab es Eichgesetze mit Messgeräten und Schankgefäßverordnungen. Heute haben wir Ausschankmaße als EU-Richtlinien und den Verbraucherschutz bei Schankgefäßen. Vergleicht man die beiden Speisekartenauszüge, bewegt sich die ausgeschenkte Menge der Donisl-Hoibe zwischen 0,35 l und 0,4 l.

Das sieht nach Betrug aus und stinkt. Der bei Volkfesten übliche Schankbetrug gilt nur als Kavaliersdelikt. Wer sich darüber aufregt, muss vom Bedienungspersonal umgehend geächtet werden. Dies erfolgt meist mit dem unverschämten Hinweis, dass man selbst an die Schänke gehen soll, um nachschenken zu lassen. Im Festzelt Zur Schönheitskönigin wurde der Schankbetrug in Steinkrügen aber so exzessiv betrieben, dass sich sogar das Personal bei den Gästen dafür entschuldigte (siehe Tivolifoto: Des hod no neamad gseng, 30. September 2019). Vermutlich steht dieser vergangene Betrug mit der gegenwärtigen Preißn-Hoibe im Donisl in Verbindung.

Wegen der Schwere der Tat muss ich mich jetzt selbst zitieren, kann aber hier nur kurz darauf eingehen:

„Der Schankbetrug in der Schönheitskönigin ist besonders widerwärtig und hinterhältig, weil er mit Steinkrügen und scheinbarer Traditionswahrung erfolgt. Ich bin kein Erbsenzähler oder Pfennigfuchser und würde Ausnahmen übersehen. Gute Unterhaltung muss mit angemessenen Preisen und guter Service mit großzügigen Trinkgeldern belohnt werden. Dieser vorsätzliche und andauernde Schankbetrug schadet aber dem Ansehen und dem Anspruch der Oidn Wiesn in allen vier Festzelten. Nicht zuletzt wird der gute Ruf von Volkssängern und Musikanten in Gegenwart und sogar in der Vergangenheit beschädigt. Betrug unter den Augen der Portraits von Karl Valentin und Bally Prell ist schlimmer als auf dem internationalen Preißn-Fasching nebenan.“

Was dort in der Bräurosl auf die Gäste zukommen wird, ist nur schwer vorherzusehen, aber sicherlich von den Kellnerinnen leichter zu tragen als Maßen mit ganzen Litern. Auf der Wiesn ist das jedoch eine gemeinschaftlich begangene Tat aller Wirte, bei der sogar die Stadtverwaltung eine Toleranzgrenze von zehn Prozent weniger Bier einräumt und sich damit zum Komplizen macht.

Heute schon bietet sich in direkter Nachbarschaft zum Donisl das neue Wirtshaus Zum Stiftl an. Dort gibt es 0,5 l Augustiner vom Holzfass für 3.90 € sowie Leberkas und Fleischpflanzerl – ebenso beim Augustiner am Platzl. Sogar das mittlerweile überteuerte Hofbräuhaus bleibt gegenwärtig unter den 5 € für die Hoibe.

Noch bedenkt niemand, dass es in München 1844 und 1888 zu gewalttätigen Revolutionen gegen Bierpreiserhöhungen gekommen ist. Gewalt ist natürlich kein geeignetes Mittel gegen unbegründete Preistreiberei und Schankbetrug. Bei uns können heutzutage Sachverhalte und Meinungen unzensiert veröffentlich werden. Missstände darf man sachlich anprangern und mit Satire der Lächerlichkeit preisgeben.

Außerdem braucht ja niemand in den Donisl gehen. Es wäre aber schade, wenn dieses urmünchner Wirtshaus wieder den internationalen Touristen und Preußen überlassen werden muss, weil sich der Wirt eine gschlamperte Preißn-Hoibe einbildet und weil Brauerei und Stadtverwaltung das zulassen.

Die gestrigen Münchner Festgäste in der Schwemme des Hofbräuhauses haben den Donisl-Missstand ausführlich diskutiert. Einvernehmlich wurde festgestellt, dass man als Münchner nicht mehr in den Donisl gehen könne, ohne Verrat an der altbayerischen Wirtshauskultur zu begehen. Bei der ganzen Angelegenheit ginge es nicht ums Geld, sondern um die Verpreußung und die Schande für Altbayern. Ein traditionsbewusster Gast hat sogar behauptet:

„Da Bähda soi sei Preißn-Hoibe seiba sauffa!“

Ich versuchte, mit der Bemerkung zu beschwichtigen, dass solche Untaten sicher nicht lange bestehen bleiben. Meine Annahme war: Wer sich soweit aus dem altbayerischen Fenster lehnt, der muss mit satirischer Kritik rechnen und wird das Fehlverhalten sicher bald abstellen.

Ein anderer Gast gab zu bedenken, dass sogar die Bairische Sprache und das Münchnerische von den Preißn verschlampt worden seien. Mit der Hoibe dürfe das nicht auch noch zugelassen werden. Die Nachahmungs- und Übernahmegefahren des norddeutschen Slangs sind genauso schändlich und eine verschlampte Sprache, wie die Gefahren der gschlampterten Hoibe im Donisl ein verschlamptes Bier sind.

Der witzigste und zugleich traurigste Gesprächsbeitrag war die verständnisvolle Feststellung:

„Mit Bier ist nichts verdient, aber mit Schaum.“

Einvernehmlich meinten wir, Schaum gehöre zum Biergenuss, aber zu viel davon – und noch dazu darüber gepritschelt – sei Betrug mit Luft. Als Motiv dahinter könne nur die meist preußische Habgier stecken. Vielleicht ist da Bähda mit dem gefährlichen Preißn-Bazillus infiziert oder gar schon ganz mutiert.

Danach kam die übertriebene Behauptung: Ein Wirt, der den Ruf unserer Traditionswirtschaft Donisl und der Brauerei Hacker-Pschorr dermaßen schädigt, hat diese Bezeichnung nicht verdient. Wieder musste ich das Wirtshaus in Schutz nehmen und verwies auf die Beiträge zur heimatlichen Musik.

Abschließend erwägten die Münchner Festgäste im Hofbräuhaus, der Brauerei Hacker-Pschorr vorzuschlagen, den Namenszusatz vom Donisl zu ändern von „Reale Bierwirtschaft zur alten Hauptwache“ in:

„Reale Bierwirtschaft zur Preißn-Hoibe“

A Hoibe beim Donisl ist ein Standardbegriff der Bairischen Sprache, der sogar im Bairischen Wörterbuch des Internets zu finden ist. Die Hoibe muss somit vom ansonsten geschätzten Wirt nicht neu erfunden werden.

Hoibe Hoiwe, die Hoibe – Hoiwe – Halbe – Halbe Bier
0,5 Liter Flüssigkeit (…i kriag a Hoibe Dunkles! …a Hoiwe Radler, bittschön! …i hob bloß zwoa Halbe drunga!)“

Wir brauchen keine Verpreußung der Hoibe – und schon gar nicht im Herzen der Hauptstadt des Freistaats Bayern, wo eine besondere Pflicht zu bayerischer Originalität, Qualität und Gastlichkeit besteht – im Donisl.

Donisl Donisl – Dionysius
a) Koseform zu Dionysius (…unser Bua hoaßt Donisl!)
b) Bayerische Traditionsgaststätte direkt am Marienplatz (…ham ma uns a Hoibe beim Donisl kafft!)“

Nicht nur beim Donisl oder in einzelnen Münchner Wirtshäusern, sondern in der gesamten altbayerischen Gastronomie gehen seit langem Tradition, Gemütlichkeit und Lebensfreude verloren. Immerhin gibt es im neuen Donisl lange Tische, Holzfassbier und Wirtshausmusik. Insgesamt werden die Grundsätze altbayerischer Wirtshauskultur jedoch zunehmend missachtet.

Solche Prinzipien formuliert man oft mit kommerziellen Zielen. Bei Tivolifoto gibt es die Sichtweise einheimischer und sogar internationaler Gäste. Es ist nicht unmöglich, das Rad zurückzudrehen. Der touristische Erfolg von Bayern begründet sich unter anderem in der einheimischen Wirtshauskultur. Die meisten internationalen, auch preußischen Gäste wollen bayerische Originalität und Tradition erleben, keine Anpassung an eigene Verhältnisse wie Fast-Food-Ketten, Einheitsbrei, Automatisierung und Supermarkt-Abfertigung.

Mit diesem Beitrag will ich nicht versuchen, einem Wirt und Wirtshaus oder einer Brauerei zu schaden. Im Gegenteil – ein frisches Holzfassbier im Donisl schmeckt, das musikalische Angebot ist heimatlich orientiert. Ich empfehle ausdrücklich den Besuch im Donisl. Jeder Gastronomiebetrieb verfügt aber über Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Mir geht es auch nicht ums Geld, sondern um die Wahrung der altbayerischen Tradition.

Aus all diesen Gründen erkläre ich hier meine Ansprüche an ein altbayerisches und altmünchner Wirtshaus, die sicherlich allgemein einvernehmlich sind. Außerdem gelten sie auch in den Sonderformen des Wirtshauses wie Biergarten und Volksfest.

Die Acht Gebote der altbayerischen Wirtshauskultur

  1. Wirtshäuser gehören einheimischen Gästen, nicht Touristen, Wirten oder Brauereien – auch nicht bei anderen rechtlichen Eigentumsverhältnissen.
  2. Wirte sind vorrangig anwesende und mitarbeitende Gastgeber, nicht Betriebswirte oder Scheinwirte, die sich wie Gäste verhalten.
  3. Wirte und Personal sind verpflichtet, Gästen zu dienen, nicht zu versuchen, über sie zu bestimmen.
  4. Bier ist von einheimischen Brauereien als Handwerksprodukt in Hoibe oder Maßen unter anderem aus Holzfässern anzubieten, wobei gezapft, nicht vorgezapft und Schaum gepritschelt wird.
  5. Speisen sind frische, regionale, saisonale, natürliche und vor Ort zubereitete Handwerksprodukte, keine vorgefertigt angelieferten und haltbar gemachten Industrieprodukte mit Einheitsgeschmack.
  6. Personal, Speisekarten und Medienangebote benennen Speisen und Getränke bairisch oder südhochdeutsch, nicht mit Nordizismen, Anglizismen Modernismen und Pseudodialekt.
  7. Preise sind vorrangig an Qualität und Leistung, nicht am Profit auszurichten.
  8. Dazusetzen ist die Regel, Reservierungen, Platzanweisungen und Stehtische sind Ausnahmen.

Die Preißn-Hoibe vom Donisl und die Fehlt-vier-Finger-Maß in der Schönheitskönigin verstoßen gegen das 4. und 7. Gebot, verhindern somit die Aufnahme in den weiß-blauen Himmel und sind mindestens ein Fall fürs Fegefeuer, wenn nicht gar wegen andauernder Wiederholung für Höllenqualen. Im Gegensatz dazu verspricht die Hacker-Pschorr-Werbung: Himmel der Bayern.

Am Hauptaltar des Oidn Bähda sitzt der Heilige Petrus mit der Tiara. Die benachbarte Donisl-Basilika hat jetzt auch einen solchenen, aber nicht mit der Papstkrone, sondern nur mit einem Schein, viel Anschein und einer Preißn-Hoibe.

Aus Äpfe Amen
Aus is und gar is, und schad is, dass wahr is
Gott mit dir, du Land der Bayern

Die Wende im Preißn-Hoibe-Donisl-Fall

Nachtrag am 3. Mai 2022

Aus der Angelegenheit einen Kriminalfall zu konstruieren, wäre natürlich eine gnadenlose Übertreibung. Im Einzelfall ist mein Beitrag aber sogar als kriminell bezeichnet worden. Ansonsten danke ich für den außerordentlichen Zuspruch auf vielfältigen Wegen – besonders für die vielen lobenden Worte in E-Mails, aber auch für die Bestätigung des Anliegens in zahlreichen Gesprächen. Das beste Lob kam von einem bekannten Volksmusikanten im Hofbräuhaus in Form eines Bierzeichens für eine Freibiermaß.

Meine Besuchs- und Aufrufstatistik für Tivolifoto zeigt im April 2022 einen Höchststand. Dieser Monat war gleichzeitig die Lebensdauer der Preißn-Hoibe vom Donisl. Erfreulicherweise ist meine Vorhersage im Beitrag eingetroffen. Voller Demut darf ich mich jetzt selbst zitieren:

„Wer sich soweit aus dem altbayerischen Fenster lehnt, der muss mit satirischer Kritik rechnen und wird das Fehlverhalten sicher bald abstellen.“

Die Wende in diesem Fall zeigt mir, dass die Verpreußung vom Wirtshaus in Altbayern durchaus zu bremsen und vielleicht sogar zu verhindern ist. Mit positiver Überraschung und Erstaunen rufe ich biblisch, sprichwörtlich, scherzhaft und ein wenig spöttisch aus:

Es geschehen noch Zeichen und Wunder!

Ein befreundeter Hofbräuhaus-Festgast und Leser von Tivolifoto hat mich auf die folgenden Änderungen in der Donisl Speisekarte hingewiesen. Wohlgemerkt: Es handelt sich nur um die Speisekarte und nicht um tatsächlich Erlebtes. Das müsste vor Ort und mit einem Zeitpunkt ergründet werden. Außerdem gilt die Neuerung gegenwärtig nur für die deutschsprachige Version der Speisekarte. Armselige internationale Gäste werden also weiterhin mit der Preißn-Hoibe abgespeist bzw. abgefüllt.

Ausschnitt aus der Speisekarte im Donisl am 3. Mai 2022

Die Gschlamperte Hoiwe bleibt dem Donisl somit erhalten, ist aber jetzt teilweise keine Preißn-Hoibe mehr, sondern ein Schnitt, für den man Striche auf den Bierdeckel bekommt und nach einer Streifenkarte fragen kann.

Deren Verwendung mit Preis, Übertragbarkeit, Zonen entwerten, missbräuchlicher Nutzung, Kontrollen und erhöhtem Beförderungsentgelt wird nicht angegeben. Es ist aber davon auszugehen, dass Stempelmöglichkeiten angeboten werden. Sonst würden die Streifen ja keinen Sinn machen und wären nur eine fragwürdige Papierverschwendung.

Für Freibier haben die gute alte Biermarke und das Bierzeichen im Donisl anscheinend ausgedient. Man bekommt hingegen einen Freibier-Streifen. Wofür das gut sein soll, ist nicht erfahrbar. Möglich wäre doch ganz einfach, bei erhöhtem Bierkonsum ohne die Streifenkarte ein Freibier auszugeben oder weniger zu berechnen.

Vielleicht sehen unerfahrene junge Leute solchen preußischen Schnickschnack als gelungenen Werbegag an. Gstandne Münchnerinnen und Münchner werden damit sicherlich nicht beeindruckt. Schändlicherweise hat die auf der Speisekarte übertrieben großgeschriebene Gschlamperte Hoibe auf der Streifenkarte ein preußisches Deppenapostroph bekommen. Das Adjektiv „gschlampert“ steht nämlich ohne Hackl im Bairischen Wörterbuch des Internets. Zudem gab es Zeiten im Netz, in denen wenig lesbare Großschreibung als Schreien verpönt war.

Ob es wirklich wünschenswert ist, bei 21 Strichen mit Name und Datum an der Wand des Donisl verewigt zu werden, sei dahingestellt. Irgendwie erinnert das an das Für-fragwürdige-Leistungen ausgestellt, aufgehängt oder an die Wand gestellt zu werden. Und was ist schon die Ewigkeit bei der kurzen Lebensdauer von Donisl-Wirten?

Weiterhin fällt auf, dass das Münchner Hell im Gegensatz zur „Gschlamperten Hoiwe“ oder „G’schlamperten Hoiwe“ nicht frisch gezapft vom Fass, sondern nur irgendwie vom Fass ist. Dafür ist es aber mild und süffig, was wiederum für die Gschlamperte Hoiwe nicht zutrifft. Welches Bier aus Holzfass, Metallfass oder Container kommt und zu welchem Zeitpunkt, kann man leider nicht erkennen. Dabei wäre grad die durchgängige Qualität aus Holzfässern die beste Werbung für genussorientierte Münchner Gäste.

Insgesamt werden alle Gäste im Donisl beim Bier nach wie vor verwirrt oder an der Nase herumgeführt. Ein Eintrag in die Speisekarte mit einer Zeile für den Preis von 0,5 l und 1,0 l sowie dem Zeitpunkt von wohlschmeckendem Holzfass-Bier wäre ausreichend. Alles andere ist ein aufgeblähter Schmarrn, mit dem vielleicht versucht werden soll, krampfhaft originell zu sein. Oder handelt es sich gar um eine besonders raffinierte Form von Negativwerbung mit Selbstverarschung?

Wundersamerweise macht die Brauerei als Eigentümerin des Donisl bei dieser tragikomischen Angelegenheit mit. Eine gschlamperte Hoibe lässt nämlich gschlampertes Bier, gschlamperte Küche, gschlamperten Wirt, gschlampertes Wirtshaus und gschlamperte Brauerei vermuten. Man stelle sich die Ungeheuerlichkeit einer gschlamperte Hoibe im Staatlichen Hofbräuhaus vor. Was dabei am staatlichen Ende rauskommen würde, darf natürlich nicht ausgesprochen bzw. aufgeschrieben werden. Aber mit Hacker-Pschorr scheint das problemlos möglich zu sein. Im Festzelt Pschorr Bräurosl auf der Wiesn wird es wahrscheinlich die gschlamperte Maß oder Preißn-Maß geben.

Wenigstens kann man jetzt als Münchner wieder in den Donisl gehen, ohne sich für die Förderung der Preißn-Hoibe schämen zu müssen. Vielleicht ist das sogar ein wenig diesem Beitrag zuzuschreiben. Trotz der hier im Nachtrag beschriebenen Verwirrungen und Blähungen scheint eine solche Weiterentwicklung im Donisl durchaus erfreulich zu sein.

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